Coraline

Coraline

(Regie: Henry Selick – USA, 2009)

Die 11jährige Coraline hat es nicht leicht, schon gar nicht, als ihre überbeschäftigten und ständig abgelenkten Eltern mit ihr für ein Arbeitsprojekt in ein altes viktorianisches Haus ziehen, in dem ihr vorzugsweise todlangweilig ist. Darüber hinaus erzählt ihr der Nachbarsjunge Wybie Lovat, dass mit dem Haus etwas nicht stimmen soll, denn seine Großmutter sei darin aufgewachsen und deren Schwester ist einstmals darin verschwunden. Tatsächlich entdeckt die neugierige Coraline alsbald eine kleine niedrige Tür an einer Wand, die zunächst zugemauert erscheint, doch in der Nacht plötzlich zugänglich ist. Durch einen Tunnel gerät sie in ein Haus, das das totale Ebenbild ihres eigenen zu sein scheint, inklusive Leuten, die genauso aussehen wie ihre Eltern, nur eben freundlicher und aufmerksamer. Der einzige Nachteil: anstatt Augen haben sie Knöpfe. Das Mädchen hat in dem anderen Land eine Menge Spaß, doch am Morgen erwacht sie wieder in ihrer Welt. Obwohl von Wybies Katze gewarnt, ist Coraline erfreut, dass sie für immer bei den “anderen” Jones bleiben darf, falls…ja, falls sie ihre Augen ebenfalls gegen Knöpfe austauscht. Doch davor schreckt Coraline zurück und ist plötzlich auf der anderen Seite der Tür gefangen, auf der Flucht vor ihrer “anderen Mutter” und in verzweifelter Eile, nach Hause zu kommen…

Henry Selick teilt mit Robert Rodriguez das bedauernswerte Schicksal, selbst von filmaffinen Menschen im Schatten seiner Produzenten und Geldgeber gesehen zu werden. Wo Rodriguez damit klarkommen muss, dass einige seiner Leinwandspektakel seinem Kumpel und Förderer Quentin Tarantino zugeschrieben werden, kämpft Selick dagegen an, frühere Regiearbeiten wie “James und der Riesenpfirsich” und besonders “Nightmare Before Christmas” in die Filmographie des umtriebigen Tim Burton einziehen zu lassen. Obwohl beide Regisseure augenscheinlich eine Verknüpfung mit dem Stil ihrer “Mentoren” nicht leugnen können.
Schon früh erhielt Henry Selick Einblick in ein Manuskript, das der bekannte Comic- und Fantasy-Autor Neil Gaiman (“The Sandman”, “American Gods”) als Gute-Nacht-Geschichte für seine Kinder ersonnen hatte. Es gefiel ihm sehr und nachdem die Rechte des Buches erhältlich waren, kümmerte er sich um eine in seinem Interesse gestaltete Version der Erzählung. Er führte also nicht nur Regie, sondern schrieb auch das Drehbuch zu “Coraline”.
Ich weiß nicht, ob die englische Sprache ein ähnliches Bild in einer Redewendung wie “einen Knopf an die Backe nähen” bereithält, im Deutschen drückt dieses aber aus, dass man hereingelegt wurde, dass man sich einen Bären hat aufbinden lassen. “Coraline” thematisiert sehnsüchtige und tief empfundene Wünsche, die ausgenutzt werden können, um den Wünschenden zu übertölpeln und ihm sehr übel mitzuspielen: Im Tausch gegen eine vermeintlich perfekte Welt, verliert man hier das Augenlicht und lässt sich gleich zwei Knöpfe in die nun leeren Augenhöhlen nähen. Eine drastische Vorstellung und sicher auch einer der Gründe, warum “Coraline” als Zeichentrickfilm für Erwachsene gilt. Dem widerspreche ich: Schon allein der Ursprung in den Kinderzimmern von Familie Gaiman lässt eine andere Deutung zu. Im Gegensatz zu vielen seiner Genre-Kollegen nimmt Henry Selicks Film die Nöte und Ängste eines kindlichen Publikums ernst, ohne sie an billige Mätzchen verraten zu müssen, die in der konsequenzlosen Staffage einer seelenlosen Geisterbahn verenden. Hier gibt es zwar auch kunterbuntes Konfetti, es rieselt aber aus Totenschädeln und man hat gesehen, dass es aus Papier gestanzt wurde, das einem die Haut unter den Fingernägeln aufschneiden kann, wenn man es nur lässt.
Die Welt von “Coraline” wurde Stück für Stück, Schicht für Schicht aufgebaut und wirkt organisch und gewachsen. Dinge und Lebewesen sind miteinander verbunden, all die skurrilen Gags sind keine lauten Farbkleckse, die von einer ansonsten einfallslosen Umgebung ablenken sollen, sondern aus dieser Welt selbst heraus entstanden und tief in ihr verwurzelt. Selicks Trickfilm mit den Stop-Motion-Charakteren, dessen Hintergründe komplett computeranimiert wurden, vermittelt das Gefühl von Einheit und Vollkommenheit. Nicht die Vollkommenheit der perfekten Oberfläche, wie sie sonst gerne im Zeichentrick bemüht wird, sondern eines glaubhaft entstandenen Universums, das sich in seinem Design in der Tier- und Pflanzenwelt, vor allem aber von Insekten inspirieren lässt. Kurzzeitig ist dies auch im Film selbst ein Thema, was diesen Effekt noch positiv verstärkt.
“Coraline” ist seltsam. Die Seltsamkeiten, die vom kafkaesken Käfermobiliar bis zu Flederschnauzern und darüber hinaus reichen, gehören aber zwingend zur Geschichte. Selbst die surrealsten Momente haben einen legitimen Platz im Märchen von Coraline Jones. Zu diesem Feeling trägt der bezaubernde, von Bruno Coulais komponierte, Soundtrack bei. Ein Glanzstück aus Kinderchor-Nokturnen, Glöckchen, Klavier und Streichern, die den atmosphärischen Boden bereiten, sich aber auch immer wieder in melodiösen Ausflügen im Ohr einnisten – und der ein oder anderen Figur eine kleine Musicaleinlage gönnen.
Durch die unterschwellig (und vielleicht unfreiwillig?) vermittelte Botschaft, der Status Quo sei schon das Richtige und man solle sich mit dem abfinden, was man hat (der Spatz in der Hand vs. die Taube auf dem Dach), vergällt und vergrätzt “Coraline” ein wenig das aufgeschlossenere Publikum und verhindert so auch eine Höchstwertung. Gleichzeitig bietet sich dennoch ein interessanter Anschlusspunkt, um Henry Selicks Film mit kleineren Zuschauern zu diskutieren. Es wäre erstaunlich, wenn nach dem Genuss von “Coraline” bei Kindern kein Redebedarf bestünde. So setzt “Coraline” einen erstaunlichen Marker im Feld der Familienunterhaltung, die hier wirklich einmal gelungen ist: Sowohl Kinder als auch Erwachsene werden sich in der detailreichen und liebevoll umgesetzten Phantasiewelt verlieren, nur um danach ihre Empfindungen und Eindrücke austauschen zu wollen. Ein Spaß – auch noch lange nach dem Kinobesuch oder nachdem das grüne Lämpchen des DVD-Players erloschen ist. Ein Spaß vor allem, der (neben den ernsten Themen und Schreckgespenstern) voll feinsinnigem Humor steckt, welcher sich nicht selten in lautem, befreiendem Lachen Bahn bricht. “Don’t believe me? You can ask the cat!” 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 09.05.2016)
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