Footprints on the Moon – Le Orme

Footprints on the Moon – Le Orme

(Regie: Luigi Bazzoni – Italien, 1975)

Die Dolmetscherin Alice (Florinda Bolkan) verschwindet drei Tage spurlos, ohne dass sie sich nachher erinnern kann, wo sie war. Einem Traum folgend, reist sie zu einer fernöstlichen Insel, wo sie anscheinend jeder kennt. Beim Versuch, ihrem Doppelleben nachzuspüren, nimmt sie mehr und mehr die Persönlichkeit ihres geheimnisvollen ‘Alter ego’ an.

In seiner tieftraurigen Mondscheinsonate “Le Orme” (Originaltitel) lässt Regisseur Luigi Bazzoni seinen Kameramann Vittorio Storaro (der ebenso an Dario Argentos “The Bird with the Crystal Plumage” mitwirkte, wie er Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” ins Pantheon des Films fotografierte und stets aufs Neue mit Bernardo Bertolucci kollaborierte) großes Gewicht auf Architektur legen, die in einer heimlichen Hauptrolle die Einsamkeit herausstellt, welche die weibliche Protagonistin Alice (gespielt von Florinda Bolkan, einer brasilianischen Schauspielerin, die in Lucio Fulcis Giallo-Klassikern “A Lizard in a Woman’s Skin” und “Don’t Torture a Duckling” glänzen konnte) auf ihrer Suche nach der verlorenen Zeit vollständig umfängt.
Von den stilistisch streng, funktional und einfach gehaltenen Bauten der Moderne, in denen wir Alice in ihrem Beruf als Synchronübersetzerin kennenlernen, hin zu dem reich ornamentierten und arabesk ausgestalteten Formenreichtum der Moscheen, ergänzt durch den Historismus einiger Hotelbauten, erliegt Storaros vitaler und dynamisch-bewegter Kamerablick den Ruinen einer vergangenen Zeit, die teilweise schon wieder an die undurchdringlichen Tiefen des Meeres verloren gehen.
Alice fühlt sich in ihrer Großstadtumgebung nicht weniger isoliert, als in dem weitläufigen, aber kaum besuchten Hotelkomplex, in dem sie sich später wiederfindet. Ihre Tablettensucht hat sie ihren Job gekostet und – wie es aussieht – auch einen Teil ihrer Erinnerung. Eine zerschnippelte Ansichtskarte weckt schließlich ihre Neugierde.
Zuvor werden wir Zeugen eines Traums, der den dubiosen Wissenschaftler Professor Blackmann (Klaus Kinski in einer kleinen Nebenrolle) zeigt, wie er einen Mann auf dem Mond zurücklässt und ihn seinem qualvollen Sterben preisgibt. Eine schaurige Sequenz, zu der Alice in ihren Tagträumen und Halluzinationen immer wieder zurückkehren wird. Sie hält den langsamen Tod des Astronauten für ein Fragment aus einem Sci-Fi-Film, den sie vor langer Zeit im Fernsehen gesehen hat. Freilich nicht ohne abzuschalten, da das Gesehene sie sehr verstörte. Dank Nicola Piovanis psychedelisch-bedrohlicher Orgelmusik färbt diese Szene auch stark auf den Zuschauer ab.
Und so liegt schon nach wenigen Minuten ein äußerst beunruhigender und beklemmender Schatten über den Bildern, in denen sich ein offenkundig durchgenudelter und oft kolportierter Psychothrillerplot breitmachen will. Soll er doch – denn in “Le Orme” geht es weniger um den “überraschenden” Plottwist, der zum Schluss noch einmal alles über den Haufen wirft, sondern eher um die Projektion einer Erkrankung des Inneren, einer Depression, auf den Teil der Umwelt, den wir als unbelebt, und wenn schon nicht das, dann als unbeseelt wahrnehmen: Dies sind vor allem Gebäude, aber auch Landschaften, Kunst und Kunsthandwerk. So sehr Alice von ihren Mitmenschen abgeschottet ist, so gut lässt sich ihre tiefe Verzweiflung und der schleichende Verfolgungswahn in den Stimmungsfresken finden, die Luigi Bazzoni unter Zuhilfenahme der Bilder von Vittorio Storaro konstruiert, komponiert und schließlich mit Leben füllt. Einem verwirkten, einem verwelkenden Leben zwar, aber von einer Traurigkeit durchdrungen, die nur erfahrbar ist, wenn der Verlust tief empfunden werden kann, wenn das Verlorengegangene vorher geschätzt wurde.
Die Geschichte an sich, die der Autor der Romanvorlage Mario Fanelli zusammen mit Luigi Bazzoni zu einem Drehbuch verarbeitete, ist höchst gewöhnlich und sollte niemanden abschrecken. “Le Orme” kann sich auf seiner außerweltliche, gespenstische Atmosphäre verlassen, wie kaum ein anderer Film. Der paranoide Ton beginnt als kaum wahrnehmbares Sirren, das im Verlauf der Handlung irritierend lauter wird, um schließlich in einem scheußlichen Getöse zu implodieren, das dennoch nicht aus dem Hintergrund in die architektonisch dominierten Hauptaufnahmen eilt, sondern erneut Nicola Piovanis bedrückendem Score den Vortritt lässt, um dem Gefühl des völligen Verlassenseins ein letztes Mal die Bühne zu bereiten.
Das angstfiebernde Finale sucht im Thriller seinesgleichen – und in der psychologischen Wirkung gibt es sicherlich nur eine Hand voll ähnlich intensiver Filme. Mir kommt Andrzej Zulawskis “Possession” in den Sinn, der aber größere Kaliber und lautes Getöse auffahren muss, um ähnlich beklemmend zu enden. Die Furcht davor, einsam und elend sterben zu müssen, konzentriert als künstlerisch gestalteter Spannungsfilm, der das Verblassen und Vergehen eines Universums dokumentiert, stellvertretend für sieben Milliarden weitere Universen. 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.05.2016)
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