Red, White & Blue

Red, White & Blue

(Regie: Simon Rumley – Großbritannien/USA, 2010)

Das Leben von Erica ist ein einziger Rausch, bestehend aus Partynächten, Alkohol und Sex mit fremden Männern. Erica lebt ein emotional verkrüppeltes Leben auf der Überholspur, immer auf der Suche nach wahrer Wärme. Als sie den schweigsamen und merkwürdig erscheinenden Nate kennenlernt, scheint sich in ihrem Leben zum ersten Mal ein wenig Hoffnung auf ein Dasein abseits der Trostlosigkeit abzuzeichnen. Doch es ist der Beginn eines Kreislaufes des Verderbens, aus dem niemand als Gewinner hervorgehen wird…

Im durchschnittlichsten Durchschnittsbürger, der großes Vertrauen in Polizei und Justiz setzt, solange sie ihm nicht wegen Verkehrsregelwidrigkeiten oder Nachbarschaftsstreits in die Quere kommen, wächst ganz leise, still und heimlich eine Rachsucht heran, die man nur mit den passenden Gründen aufpäppeln muss, um Selbstjustizdramen in Gang zu setzen, die jeglicher Beschreibung spotten. Man denke z.B. an Väter oder Mütter, die ihre kleinen Söhne oder Töchter an Sexualstrafstäter verlieren. Es scheint Konsens zu sein, in Fällen dieser Art, zu jeder Art von Gartenwerkzeug oder Waffe greifen zu dürfen, um den Täter auf möglichst grausame Art zur Strecke zu bringen. Er soll während seines qualvollen Todes ja etwas für die Zukunft lernen, nicht wahr? Der gutbürgerliche Maskenball scheint in keiner Situation eher außer Tritt geraten zu können. Ein wunderbares Beispiel waren die Reaktionen auf Marianne Bachmeier, die 1981 den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal eigenmächtig hinrichtete. Selbst vor laufender Kamera erregte sich die Volksseele noch mit stolz geschwellter Brust, und behauptete, ähnlich oder genau so handeln zu wollen. Einige Jahre später befürwortete man dann Folter seitens der Polizei, um den verschwundenen Jakob von Metzler finden zu können. Keine Frage: Die erstaunlich laut schweigende Mehrheit reiht sich in die Schreckensgalerie ihrer Großmütter und -väter ein, die langhaarigen “Gammlern” auf der Straße noch damit drohten, vergast zu werden.
In “Red, White & Blue” will uns Regisseur Simon Rumley (“The Living And The Dead”) erneut diesen unvernünftigen Hassklumpen vorführen, der sich aus allen Schichten der Bevölkerung speist. Aber wozu? Es gibt genügend Filme, die dieses Thema behandeln und uns das Schlechte im Menschen gleich eimer- und literweise vor die Füße kotzen. Und viele davon sind nicht halb so feige wie Rumleys fünfte Leinwandarbeit, die erst einen unglaubwürdigen Brei aus Krebs, HIV, Kindesmissbrauch, keimender Psychopathie und Suizid anrühren muss, um dann endlich die Gewalt, die wir (angeblich) sehen wollen, zu entfesseln. Natürlich im grimmigen Naturalismus, den sich der “torture porn” auf die Fahnen geschrieben hat: Kein Platz für Phantasie, kein Platz für eine Flucht oder neue Gedanken. Hier soll gestorben werden. Und zwar möglichst wie im “echten” Leben – oder wie sich viele Menschen eben vorstellen, dass man im “echten” Leben stirbt.
Das ist ziemlich schade, denn eigentlich macht “Red, White & Blue” von Beginn an alles richtig. Er nimmt sich Zeit, seine Figuren vorzustellen. Dies geschieht wortkarg und verdichtet, durch dissonante Klaviermusik verstärkt. Mit breitem Pinselstrich entstehen lebhafte Echos von Menschen, die am äußeren Rand der US-amerikanischen Gesellschaft leben und eigentlich viel zu interessant sind, um sie schnöde zu verhackstücken. Die nüchterne Optik lebt von den warmen Farben des größtenteils in Austin, Texas gedrehten Films; hingerotzter Garagenrock beleuchtet die nächtlichen Seiten der Stadt. Jeder Charakter birgt Entwicklungspotential, das schließlich nicht abgerufen wird, weil Regisseur Simon Rumley entschied, dass hier eine blutrünstige Tragödie über die Bühne gehen soll. In nicht ganz 100 Minuten gelangt das Publikum von einem zwanglosen Samstagabendbums zu einem herausgerissenen Rückgrat und einer guten Hand voll Leichen.
Dramaturgisch tadellos konstruiert, durchgehend spannend und mit ein paar Überraschungen, die nicht grotesk wirken, sondern dem Verlauf der Abwärtsspirale folgen, trampelt “Red, White & Blue” den Pfad breit, der für Drama/Thriller-Konstrukte dieser Art so typisch erscheint, ohne vom Weg abzukommen, ohne links und rechts zu schauen. Daraus erwächst kurioserweise ein weiterer Vorteil, denn die Geradlinigkeit des Films entwickelt sich zu seiner Stärke: Der endgültige Rächer (ja, es gibt gleich mehrere Leute, die offene Rechnungen begleichen wollen) vertritt eine No-Bullshit-Politik, die kaum Raum für Gezeter und Gejammer lässt.
Warum die Geschichte letztendlich dann so blutig eskaliert, wie sie es tut, versucht Rumley mit ein paar Psychoplattitüden, die natürlich in der Kindheit der Opfer/Täter gesucht und gefunden werden, zu erklären – und genau an dieser Stelle beißt sich die Katze wieder in den Schwanz: Es sind alles lahme Ausflüchte, um Menschen zeigen zu können, die anderen Menschen Grauenhaftes antun.
“Red, White & Blue” ist ein überzeugender Mix aus Thriller und Drama, der auch Elemente des “torture porn” beinhaltet, und über weite Strecken prächtig unterhält. Das gesamte Unternehmen gerät aber gefährlich ins Wanken, weil der Regisseur nicht zu seiner Faszination für Gewalt und das Böse im Menschen stehen will oder kann, und sich deshalb eines schlecht geschneiderten Deckmäntelchens aus verbrämten Rachemotiven bedient, das diesen Fehler nicht ausreichend kaschiert. Eine ehrlichere Variante von “Red, White & Blue” würde das (auf dem Cover der DVD versprochene) magengrubenhebende, nihilistische Meisterwerk ergeben. So bleibt unterm Strich ein (r)echt guter Film. 7/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 17.05.2016)
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