Blut an den Lippen

Blut an den Lippen

(Regie: Harry Kümel – Belgien/Deutschland/Frankreich, 1971)

Auf der Rückreise von ihren Flitterwochen in der Schweiz, stranden Stefan und Valerie in einem abgelegenen Hotelpalast an der belgischen Küste. Dort machen sie die Bekanntschaft der Gräfin Bathory und ihrer Bediensteten Ilona, die laut Aussage des Portiers vor gut 40 Jahren schon einmal dort war und sich seitdem kaum verändert hat. Tatsächlich ist die Gräfin eine Art Vampir und die Zofe steht unter ihrem Einfluss. Doch in Valerie sieht sie eine mögliche Nachfolgerin für Ilona. Tatsächlich gewinnt die Gräfin mit einigen Berichten aus der schrecklichen Geschichte ihrer Familie langsam Einfluss auf das Mädchen, während Stefan die sadistische Beichte anmacht. Ein blutiges Drama nimmt seinen Lauf…

In vielen verschiedenen Schattierungen tröpfelt das Rot durch Harry Kümels Vampir- und Befreiungsfantasie “Les lèvres rouges” (Originaltitel), sammelt sich gerne in einer Lache und füllt hier und da größere Flächen aus, die sich in den kontrastreichen und farbglühenden Bildern gegen das samtene Dunkelblau und die Schwärze der Nacht behaupten müssen. Weiße Kleidung symbolisiert Unschuld (vermeintliche wie wirkliche), stets flankiert durch sterbensschwarze Umhänge und Kleider, die zuvor wieder durch leuchtendes, Gefahren und Abenteuer signalisierendes Rot angekündigt werden. Da sind die erotischen Tupfer, die nackte Haut der Darsteller nur noch eine kleine Zugabe in der exquisiten Farbgestaltung, die unverkennbar ein ruhiges, meisterliches Auge zusammengefügt hat.
Beinahe wäre es gar nicht zu diesem formvollendeten Farbenrausch gekommen (selbst die Überblendungen taucht man in ein kräftiges Rot), da “Blut an den Lippen” als schnelles Cash-In-Produkt geplant war; der Regisseur spricht selbst von “Trash”. Auch der zeitgeistige Soundtrack zwischen angefuzzter Psychedelik und dem durch Jazz und Weltmusik verfeinerten Score von Francois de Roubaix schielt auf den Kommerz, um ihm aber letztendlich doch den Stinkefinger zu zeigen. Kümel wollte seinem Vater keinen “halbpornographischen” Film zumuten und stellte schwierige Bedingungen für die finanzielle Ko-Produktion verschiedenster europäischer Staaten und den USA. Es begann beim Drehbuch und endete mit der Verpflichtung von Delphine Seyrig (“Letztes Jahr in Marienbad”, “Der diskrete Charme der Bourgeoisie”), der inoffiziellen Göttin des europäischen Autorenkinos. Zu Kümels Überraschung wurden ihm alle Wünsche gewährt.
In der Wahl seiner Themen, in seinen Genrewurzeln und der offensiven Art mit gesellschaftlich noch tabuisierten Sachverhalten umzugehen, teilt sich “Daughters of Darkness” (Verleihtitel in den USA) den Nährboden mit den (S)exploitation-Filmen jener Zeit, weist aber mit seinem Kommentar zur Unterdrückung der Menschen in der patriarchalischen Gesellschaft und den künstlerisch kaum zu übertreffenden Dekors, Sets und Szenen weit über die Sensationslust und Stellvertreterbefriedigung der meisten Genreprodukte hinaus. Gerade die poetische Abbildung der Abhängigkeiten, die in Beziehungen auftreten, und durch eine weitaus furchteinflößendere, nicht immer greifbare Bestimmung durch ein undurchsichtiges und gewalt(tät)iges Außen übertroffen werden, erwartet man bei Harry Kümel nicht. Er sieht sich selbst als Stilisten und nicht als “Verfilmer des Inhalts”, wie er leicht verächtlich betont. Man möchte ihm sofort bedenkenlos zustimmen, wenn man sich schlafwandlerisch in den Innen- und Außenansichten des morbiden Seebads bewegt, in dem die Geschichte stattfindet, würde aber darüber den libertär-libertinären Ansatz verleugnen, der sich hinter dem opulenten Augenschmaus der Inneneinrichtung der Jahrhundertwende, nächtlichen Landschaftsaufnahmen und komplett menschenleeren Orten verbirgt. Kümel zeigt Beziehungen als das Ringen um Macht, als den Kampf von Meister und Sklaven. Die Leidenstoleranz des schließlich Unterlegenen bestimmt die Beziehung, wenn nicht der Sklave seinen Meister vernichten kann, und sich selbst an die Spitze der Hierarchie setzt. Ist die Befreiung etwa nur durch eine veränderte Hackordnung möglich, die erneut Unterdrückung gebiert? Eine düstere Sicht der Dinge, die aber viele Parallelen zum Befreiungskampf der Frauen, der Schwulen, Lesben und Transvestiten in sich trägt. Außerdem kann man es Kümel hoch anrechnen, ebenfalls die Zwänge zu beleuchten, in denen der männliche Teil der Liaison steckt, auch wenn dieser einem neurotischen Würstchen gleicht. Die Beliebtheit des Films als Teil des “Queer Cinema” versteht man somit sofort.
Delphine Seyrig, in der Rolle der Gräfin Bathory, ist der zentrale Blickfang von “Blut an den Lippen”, und lässt mit ihrem leicht ironischen Spiel das alte Hollywood und dessen Diven und Götzen auferstehen. Zugleich eine melancholische Gestalt von Größe, die ihren Hedonismus würdig lebt, anstatt ein stumpfes Opfer des zugekoksten Revivals der 70er zu werden, füllt sie ihre Einsamkeit mit Grausamkeit und verletzenden Machtspielchen. Ihr zu Seite steht Andrea Rau, ein deutsches Fotomodel, deren blutrote Lippen im Kontrast zu ihrem schneeweißen Antlitz und den tiefschwarzen Haaren eine Sinnlichkeit provozieren, die von der Leinwand auf den Zuschauer übertragbar ist. Man spürt sie körperlich. Mit dieser Präsenz können die restlichen Darsteller nicht mithalten, aber das wirkt sich eher vorteilhaft aus: Das Machtgefälle in den Beziehungen tritt dadurch noch deutlicher hervor.
Wie tief der Vampirfilm mit den überaus erfolgreichen, aber reaktionären “Twilight”-Schmonzetten gesunken ist, wird einem nicht erst nach einer Epiphanie wie durch “Blut an den Lippen” bewusst; etwa zur gleichen Zeit wie Harry Kümel schuf ja auch Jean Rollin seine surrealistisch-erotischen Vampirträumereien; es ist nur höchst bemerkenswert, wie zwei Produkte der Kulturindustrie, die vornehmlich zum Geldmachen konstruiert wurden, unterschiedlicher nicht ausfallen könnten. “Blut an den Lippen” ist der Triumph der Kunst über den Kommerz. 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 01.06.2016)
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