Opium – Tagebuch einer Verrückten

Opium – Tagebuch einer Verrückten

(Regie: János Szász – Deutschland/Ungarn/USA, 2007)

In den Gemäuern einer Irrenanstalt im Ungarn des Jahres 1913 tritt Dr. Brenner als neuer Anstaltsarzt seinen Dienst an. Er steckt in einer Krise: Die Schreibblockade, unter der er leidet, bekämpft er mit Sex und immer größeren Mengen an Morphium. Kaum in der Anstalt, wird er mit dem Fall der jungen Gizella konfrontiert, einer Frau, die behauptet, vom Teufel innerlich verzehrt zu werden, die von wilden Anfällen und ekstatischen Krämpfen geschüttelt wird. Gizella und ihre Tagebücher, die sie schreibt, als ob es ums Leben ginge, ziehen ihn ob seines eigenen Unvermögens zu schreiben an, genauso wie sie ihn noch mehr seiner Kräfte berauben. Dabei hat sie nur einen Wunsch an ihn: Er soll ihr das Gehirn entfernen, damit sie vergessen kann…

In den Kurzgeschichten von Géza Csáth fand der ungarische Regisseur János Szász Inspiration für seinen 1997er Film „The Whitman Boys“; in „Opium – Tagebücher einer Verrückten“ erschließt er sich gleich einen ganzen Ausschnitt des Lebens des Morphinisten, Psychiaters und Schriftstellers Csáth über dessen persönliche Aufzeichnungen. Auf den Seiten dieser Tagebücher findet man penible Auflistungen der konsumierten Morphiummengen, sowie erotische Schilderungen jeglichen Geschlechtsverkehrs, den Csáth hatte (und den er auf einer eigens entworfenen Skala bewertete), als auch Skizzen und Ideen eines von einer Schreibblockade gedemütigten Schriftstellers, ganz zu schweigen von alltäglichen Beobachtungen, welche die Mühsamkeit des Lebens und Überlebens festhalten.
Obwohl viele Sätze aus dem Off gesprochen werden, umschifft Szász die Klippen einer Literaturverfilmung und entwickelt sein düsteres Drama nicht nur aus den Worten des Schriftstellers, sondern auch aus den Bildern einer Irrenanstalt, die – neben zwei oder drei Ausflügen in die Außenwelt im Verlauf des Films – der einzige Schauplatz bleiben wird. Dabei verzichtet Szász auf ausführliche Darstellungen des Drogengebrauchs und dessen Folgen; ihn interessiert viel mehr der Gegensatz zwischen dem Selbstverständnis der Psychiatrie im frühen 20. Jahrhundert, die sich mit der gerade neu aufkommenden Psychoanalyse auseinandersetzen muss, als Naturwissenschaft und dem Allmachtsgebaren der behandelnden Ärzte, die Gott offiziell abgeschafft haben, aber die Folterkeller der Inquisition in den Dienst der Wissenschaft stellen.
Während sich die verhängnisvolle Beziehung zwischen Arzt und Patientin entwickelt, wandert die Kamera in ruhigen Einstellungen und Fahrten durch die Gemäuer der Irrenanstalt, um die Behandlungsmethoden abzubilden, die endgültig die Grenze zwischen gefangenen Patienten und wachhabenden Doktoren verschwimmen lassen: Der Wahnsinn der Insassen erscheint harmlos gegenüber dem eitlen Sadismus der Ärzte, der sich einer aus vorgeblich rationalen Motiven geschneiderten Verkleidung bedient, die man schon auf den ersten Blick als brutal, viehisch und zynisch entlarvt. Szász bezieht hier Stellung, in dem er seelisch kranke Menschen, die in einer Heilanstalt untergebracht sind, als gleichberechtigte Darsteller im Film auftreten lässt.
Ganz hervorragend ist auch das Spiel Ulrich Thomsens („Nightwatch“, „Flickering Lights“, „Adams Äpfel“), der als Dr. Brenner das Alter Ego von Géza Csáth zum Leben erweckt und mit seinem konzentrierten Auftritt die etwas überspannte Darbietung von Theaterschauspielerin Kirsti Stubø abfedert. Es wäre nicht übertrieben „Ópium: Egy elmebeteg nő naplója“ (Originaltitel) ein (Folter-)Kammerspiel zu nennen.
Zwischen einem Psychiater, der nicht mehr schreiben kann und einer Irren, die nur noch schreibt, muss es zwangsläufig eine engere Bindung geben. Sie können zwei Seiten einer Persönlichkeit sein, die sich gegenseitig ausbremsen, wenn kein geeigneter Weg gefunden wird, die Spannungen und weißen Flecke auf der Landkarte des Bewusstseins zu erforschen und zu modellieren. Die Verfechter der Belanglosigkeit würden ohne Zweifel den goldenen Mittelweg herausstellen und auf eine Versöhnung dieser Persönlichkeitsanteile hinauswollen. Nicht so János Szász, der seine Hauptfigur zwingt auf eine ihrer stärksten Eigenschaften zurückzugreifen, den Egoismus, und Dr. Brenner die neue, lebensspendende Inspiration wortwörtlich aus dem Kopf der Patientin herausschneiden lässt. Dies ist kein Akt der Gnade, wie es der Film vielleicht erst vermuten lässt, sondern ein chirurgischer Raubüberfall, der dem Herrenmenschenverständnis der Psychiater entspringt: Warum diese Gedanken in einer armen Seele verkümmern lassen, wenn der Herr Doktor seinem Leben abseits der Morphiumabhängigkeit (zumindest für kurze Zeit) einen neuen Sinn geben kann?
„Opium – Tagebücher einer Verrückten“ schielt zwar immer wieder auf die Sonne und lässt diese auch erneut aufgehen, bleibt aber trostlos und deprimierend in seiner Sicht der Welt als verboztes Gefängnis, in dem sich die Rücksichtslosen freimütig alles nehmen können, wonach ihnen der Sinn steht, ohne dass es sie selbst befriedigen oder sogar glücklich machen würde.
Géza Csáth haderte mit seinem Schicksal, bis der Erste Weltkrieg ihm mit Eindrücken, die er als Kriegsmediziner gewann, den Rest gab. Zuletzt ermordete er seine Frau und tötete sich selbst mit Gift. Auch wenn die Ereignisse dort noch in der Zukunft liegen, wundert es einen nach János Szászs Film nicht mehr. 7/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 31.07.2016)
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