Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes

Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes

(Regie: Robert Fuest – Großbritannien/USA, 1971)

Der Arzt und Wissenschaftler Dr. Anton Phibes unternimmt einen Rachefeldzug gegen die neun Ärzte, die seiner Meinung nach für den Tod seiner geliebten Gattin verantwortlich sind. Dabei richtet er sich bei den Todesarten nach den zehn Plagen des Altertums, die er (phantasievoll verfremdet) den Medizinern zukommen lässt. Dass er seit einem Autounfall für tot gilt, hilft ihm dabei sichtlich, denn die Polizei ist nicht die Schnellste…

Vincent Price, hochgebildeter Spross einer Familie, die ihr kleines Vermögen in den USA durch Lebensmittelinnovationen verdiente, verbrachte den Beginn der 70er Jahre, auf der Leinwand Rache zu nehmen. Zuerst nur in den Plots der “Dr. Phibes”-Filme des Regisseurs Robert Fuest, der zuvor “And Soon The Darkness” drehte und für das britische Fernsehen (“The Avengers”, “The New Avengers”) arbeitete; später auch augenzwinkernd an seinen Kritikern, die den intelligenten Mimen zeitlebens spüren ließen, dass er in einem nicht genehmen Teil der Unterhaltungsindustrie, dem des Horrorfilms, verkehrte und vor allem brillierte.
Schon in “The Abominable Dr. Phibes” (Originaltitel) bemerkt man eine eklektische Verbindung von Kunst, Kitsch, Unterhaltung und Populärkultur, die die vermeintliche Vulgarität des Genrefilms durch Geschmack und kleine Kniffe mit der Hochkultur flirten lässt. Etwas, das zwei Jahre später in “Theatre of Blood” nicht nur augenscheinlich in den Vordergrund tritt, sondern sich auch in der eigentlichen Geschichte manifestiert: Ein verlachtes Schauspieltalent richtet seine hochmütigen Kritiker hin – und alle Todesarten entstammen ausschließlich den Werken William Shakespeares.
Diesen Meta-Moment findet man in “Das Schreckenscabinett des Dr. Phibes” (Schreibweise des Titels auf dem deutschen Kinoplakat) noch nicht; es handelt sich tatsächlich “nur” um einen Unterhaltungsfilm, der einen pointiert-humorvollen Krimi um die “set pieces” des Giallo erweitert. Während der Polizeiarbeit dominieren Dialoge, die schwarzen Humor der britischen Sorte erkennen lassen und den eher lockeren Ton des Films begründen. In Anton Phibes (gespielt von Vincent Price, der hier über weite Strecken auf den Einsatz seiner außergewöhnlichen und oft geforderten Stimme verzichtet) Welt dagegen, einem Refugium aus Mausoleum und Vergnügungspark im altmodischen Sinne, verbindet sich Art-Déco-Pracht mit animalischen Boten des Todes: Vor des Doktors pink bis violett illuminierter Orgel lungern taxidermierte Geier, die in einen Tanzsaal blicken, welcher von einer Gruppe aufziehbarer Musikpuppen in Schach ge- und unterhalten wird, die im früheren Leben einmal wirkliche Menschen gewesen sein könnten. Die beschwingt-fröhliche Musik konterkariert die Voodoo-Atmosphäre, in der das “Phantom of the Vaudeville” mal in liebevollen, mal in schaurigen Orgelstücken seine große Liebe betrauert. Neben den bekannten Songs und Publikumslieblingen der 20er und 30er Jahre (wie “Over The Rainbow”), komponiert Basil Kirchin die restliche Filmmusik, größtenteils im konventionellen Rahmen, aber speziell und im Detail verschieden und extravagant genug, um eine tragende Säule des Films zu sein. Beim Einsatz eines Kirchglockenstücks scheinen auch Kirchins Bemühungen auf dem Feld der Musique concrète Früchte zu tragen; seiner eigentlichen Leidenschaft (neben der des Free Jazz), für welche er durch Soundtrackarbeiten Geld beschaffte. Er verrichtet mehr als nur einen Auftragsjob. (Im Abspann listet man die Namen der Sänger und Musiker vor denen des Cast. Dies muss nicht unbedingt auf die Wichtigkeit hindeuten, dahinter können simple Vertragsklauseln stecken, etwa um im Gegenzug an ein bestimmtes Musikstück zu gelangen. Kurios und äußerst selten ist dies aber schon.)
Die Morde stammen in diesem Fall aus einem literarisch ähnlich einflussreichen Werk wie dem William Shakespeares: Es sind die Plagen, die Ägypten und die Pharaonen heimsuchen, als JHW im Alten Testament sein Volk aus der Knechtschaft freizupressen versucht. Diese erscheinen, neben Phibes Versteck, als das visuelle Herzstück des Films und bereiten in ihrer kraftvollen Farbenpracht pure Freude fürs Auge. Während die Kamera kaum längere Fahrten unternimmt und oft statisch bleibt, schlägt die Phantasie des Setdesigners Purzelbäume und zaubert mit finanziell geringen Mitteln, manchmal in ihrem Stilmix gewagte, aber stets geschmackvolle Kompositionen, die sich aus einem reichen Fundus bedienen – und dabei die snobistische Unterteilung in Hoch- und Trivialkultur völlig missachten. Ob nun Theater oder “music hall”, Kunst oder Kitsch, Kunstblut oder Kunstdruck – all das verläuft und vereint sich mit der Musik Basil Kirchins zu einem Ausdruck des Gruselfilms, der “Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes” zu einem eigenwilligen (vielleicht ist “eigensinnlichen” das treffendere Kofferwort?) Erlebnis macht.
In “Theatre of Blood” müssen sich kleinkarierte Theaterkritiker ihrem “Gott” William Shakespeare stellen, in Robert Fuests “Champagner für den Satan” (Alternativtitel) zittern hochspezialisierte Mediziner vor der Rache JHWs, immer dargebracht durch einen brillanten, aber vom Leben gebeutelten Feingeist. Zerstörte Autoritäten, Wiederherstellung des kosmischen Gleichgewichts, am Ende die Rückkehr in den Schoß des Chaos: Katharsis, wie süß du bist! “A brass unicorn has been catapulted across a London street and impaled an eminent surgeon. Words fail me, gentlemen.” Ja, und das ebenfalls! 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 17.08.2016)
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