Overlord

Overlord

(Regie: Stuart Cooper – Großbritannien, 1975)

1944. Der junge Brite Tom Beddows (Brian Stirner) wird zum Heer eingezogen. Er durchlebt die Grundausbildung, freundet sich mit anderen Rekruten an, erträgt die Härten des Alltags und arrangiert sich mit seiner neuen Rolle – und mit der sonst herrschenden Öde, die auf den ständigen Truppenverlegungen sein Begleiter bleibt. Ein Lichtblick ist die Begegnung mit einer jungen Frau (Julie Neesam) in einer Tanzhalle – doch schon kurz darauf wird Toms Einheit abkommandiert, für die “Operation Overlord”, die Landung in der Normandie…

Regisseur Stuart Cooper näherte sich dem Thema seines Kriegsfilms “Overlord” schon von einer anderen Seite und knapp zehn Jahre vor dem eigentlichen Drehbeginn: Er mimte Roscoe Lever, einen der zwölf Dreckigen aus “Das dreckige Dutzend”, dem Protofilm für Unmengen an rabiater Söldner-Action, die vor allem in den 1980er Jahren die Kinos und Videotheken überschwemmen sollte. Auch hier ging es um eine Art “D-Day”, die Landung hinter den feindlichen Linien und die endgültige Bekämpfung des Nazi-Regimes, das Europa in Brand setzte. Für seine eigene Auseinandersetzung mit dem Stoff, wählte er aber eine völlig andere Herangehensweise.
Durch die Zusammenarbeit mit dem Imperial War Museum, das an Cooper herangetreten war, um ihn einen Dokumentarfilm über die Overlord Embroidery, einer Art Wandteppichstickerei, die die “Operation Overlord” abbildet, drehen zu lassen, bekam er Zugang zu einem riesigen Filmarchiv der Kampfhandlungen des Commonwealth, in dem er, allein für die Beiträge zum Zweiten Weltkrieg, neun Jahre seines Lebens hätte opfern können, um alle zu sichten – und das auch nur, wenn er von morgens bis abends gearbeitet hätte. So beschreibt es zumindest eine nette Anekdote Coopers. Schnell konnte er sich für die Idee begeistern, einen Film zu drehen, der zum einen aus dem (unglaublicherweise fast perfekt erhaltenen) Filmmaterial des Filmarchivs bestand, andererseits aber eine Rahmenhandlung etablierte, die neu zu schreiben und vor allem zu fotografieren war. Keine leichte Aufgabe, doch nachdem man Unmengen an Aufnahmen gesichtet hatte, assistiert durch ein eher unzuverlässiges Karteisystem, konnte man nicht nur Stanley Kubricks Kameramann John Alcott zur Mitarbeit bewegen, sondern machte auch alte, deutsche Filmobjektive der 30er Jahre ausfindig, die es ermöglichten, den Look der neugedrehten Handlungsszenen an das Material der britischen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg anzupassen. Diese Aufgabe wurde so hervorragend gelöst, dass dem Laien die neu eingefügte narrative Ebene nur durchs John Alcotts präzisen und glasklaren Stil ins Auge fällt, der sich naturgemäß ein wenig von den Bildern unterscheidet, die filmende Soldaten in brennenden Städten oder an Bord eines Bombers machen.
Dies sorgt dann auch für eine gewisse Zweiteilung von “Overlord”, die zum einen den etwas stereotypen Weg eines Soldaten vom Einberufungsbescheid bis zu seinem Tod zeigt, um auf der anderen Seite ein beunruhigendes, nächtliches Feuergedicht zu inszenieren, in dem auch am Tag rabenschwarze Nacht herrscht. Über einem Gefühl der Vorherbestimmung und der Verdammnis glitzert die Ästhetik der Zerstörung: Es sieht hübsch aus, wenn die Bomben fallen und der Feuersturm wütet, meist sogar wunderschön und gelegentlich zum Weinen brillant. Nur zweimal zeigt uns Stuart Cooper die menschliche Seite dieser Bilder: Übel zugerichtete und verkohlte Leichen am Boden; einen Fallschirmspringer, der den Schleudersitz als letzten Ausweg sucht, am Himmel. Sonst sind die Kriegsimpressionen menschenleer. Man könnte auf die Idee kommen, hier wären gar keine Lebewesen involviert, als würden nur Maschinen einen sinnlosen Vernichtungsfeldzug gegen sich selbst und ihre Umgebung führen. Dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn die grotesken Landungsvehikel und Panzer wie außerirdische Lebensformen über den Strand der Normandie robben; das menschliche Kanonenfutter noch immer in Booten eingepfercht, Särgen gleich, während die Sonne durch die Flugzeuge der Royal Air Force Grabeskreuzschatten auf die Landschaft wirft. Auch Hauptfigur Tom Beddows, gespielt von Brian Stirner, hegt Vorstellungen dieser Art, die er zusammen mit seiner Todesahnung artikuliert – in einer wundervollen Einstellung, die den Gefreiten als schwindenden Punkt in einem Wald zurücklässt. Während sich “Das dreckige Dutzend” um seine Charaktere dreht, steht in “Overlord” die Auslöschung des Individuums im Mittelpunkt. Es existieren keine Heldentaten und vor allem keine Helden mehr. Es gibt nur einen zur Schlachtbank geführten Jungen, der den Tod wittern kann, aber schon den Bolzenschuss nicht mehr fühlt, der ihn zum ausgespuckten Unrat der Kanonen degradiert, die gerade ihr großes Festmahl halten.
Hin und wieder erinnert “Full Metal Jacket” von Stanley Kubrick an Stuart Coopers Film, vor allem die Szenen im Ausbildungslager der Soldaten, die ein direktes filmisches Zitat sind, aus dem Kubrick den Wahnwitz destillierte und ihn bis zur Explosion des Kessels hochkochen ließ. Die Verbindung durch John Alcott ist gegeben, ebenfalls einige positive Äußerungen Kubricks zu “Overlord”. “Full Metal Jacket” könnte durchaus dem Geist von Stuart Coopers “Overlord” entsprungen sein.
Während andere Kriegsfilme Helden gebären oder, wie in einer Zeitschleife gefangen, die alten Geschichten um Sieg und Niederlage aufwärmen, spuckt “Overlord” uns ganz nebensächlich die Vergeudung des menschlichen Lebens vor die Füße, in mitreißenden Schwarz-Weiß-Bildern, die die Herrschaft der Maschinen ankündigen, welche noch dröhnend über die Erde ziehen werden, wenn der weiche, zerbrechliche Mensch sich im letzten unsinnigen Konflikt aufgerieben hat. 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 22.08.2016)
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