Neverlost

Neverlost

(Regie: Chad Archibald – Kanada, 2010)

Josh Higgins (Ryan Barrett) hat den Tod seiner großen Liebe Kate (Emily Alatalo) nie verkraftet, leidet seit Ewigkeiten an Schlaflosigkeit und ist in seiner jetzigen Beziehung todunglücklich. Als ihm starke Medikamente endlich doch zu Schlaf verhelfen, findet sich Josh in seiner Traumwelt plötzlich in den Armen von Kate wieder und ist erstmals seit langer Zeit wieder glücklich. Für Josh wird es zum Lebensinhalt, sich in diese Traumwelt zu flüchten…

Es scheint mir keine gute Idee zu sein, ein paar faszinierende und humorvolle Einfälle zusammenzulesen und sie mit den üblichen Motivationspunkten einer Rache- und Lovestory zu strecken. Besonders nicht, wenn man gleich zwei Varianten eines verkorksten Lebens auf der Leinwand gegenüberstellt und den Zuschauer bittet, seine Wahl zu treffen, bis am Ende sowieso alles den Bach runtergeht. Nicht, dass ein Happy End hier irgendwas an der schwachen Geschichte hätte retten können, im Gegenteil, man ist ja fast schon beruhigt, dass es keine wirklichen Optionen gibt. So stellt sich das Leben des Um-die-30-Jährigen Josh Higgins auch als ein festgefahrenes Trauerspiel dar, in dem seine schäbige, niederträchtige und bösartige Freundin den letzten Rest Glück aus ihm heraussaugt.
Regisseur Chad Archibald, ansonsten vor allem für seine Werke im Horror- und Splattergenre (“Kill”, “Bite”, “The Drownsman”) bekannt, sorgt für einen sarkastischen Einstieg, der Joshs Dilemma prima bebildert und per Voice-Over gegen die Dümmlichkeiten des Pärchendaseins ätzt, vor allem aber Ausdrucksformen für Joshs Aggressionen findet, die im Zusammenleben mit dem angeheirateten Albtraum durch Frustration und Wut entstanden sind. Um diesem ersten guten Eindruck gleich einen Dämpfer zu verpassen, ist Joshs egoistische Ehefrau natürlich eine Brünette. Um dies noch weiter auszubauen, gibt es da eine Jugendliebe, die tragisch bei einem Hausbrand verschied. Blonde Haare, nein, nicht ganz richtig, blondierte Haare. Dies macht aber auch keinen Unterschied, denn Joshs Sehnsuchtsraum ist banaler, verkitschter Hollywooddreck, wie man ihn in jeder romantischen Komödie finden kann. Wirklich schlimmer Stoff.
Zu diesem findet Josh Zugang, wenn er vom Arzt verschriebene Schlaftabletten nimmt. Und so ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis sich alles um die Beschaffung der Droge und die angenehmen Rauschzustände dreht, die sie auslöst – hätte das alles nicht einen Haken: Weder in der realen Welt, noch in der Traumwelt kann es zu einem befriedigenden Ende kommen. Josh wird auf kurz oder lang doppelt verlieren. Und so nervt Regisseur Archibald mit seiner offensichtlichen Parallelmontage, denn nach dem vielversprechenden Einstieg, meint er nur noch, er müsse alten Käse in zwei Varianten präsentieren, mit einer kleinen roten Schleife, auf die ein Drittklässler mit Mühe “mindFuk” gekrakelt hat. Das mag dem bräsigen Publikum imponieren, das noch immer versucht, der Geschichte der “Bourne”-Filme zu folgen, ist aber solch ein alter Hut, es entsteht der Verdacht, hier wolle man auf Biegen und Brechen ein Kurzfilmscript auf Featurelänge aufblasen. Es bedarf zumindest keiner großartigen Kinoerfahrung, um schon nach kurzer Zeit, zu wissen, wie der Hase läuft. (Falls einem das überhaupt wichtig ist.)
Leider sind auch die Darsteller keine Meister ihres Fachs und scheitern regelmäßig an elementaren Gefühlsausdrücken (in Grimassen entgleist), die manche Szenen in einen unfreiwillig komischen Unfall münden lassen. Anstatt diese Fehler aufzunehmen und zu versuchen, sie für ein irrlichterndes, verschrobenes Feeling einzusetzen, liefert Chad Archibald lieber weitere abgeschmackte Thriller- und Drama-Versatzstücke, die ernsthaft darin kulminieren, dass jemand an einen Stuhl gefesselt, mit Benzin übergossen und angezündet werden soll. Verwundert es da noch, dass sich die Farb- und Lichtpalette in dunkelstes Düster und überbelichtetes Gleißen aufteilt? Dass ansonsten keine optischen Auffälligkeiten bestehen und der Film streng dem einfallslosen Look der meisten Thriller folgt, obwohl er ja an der Schnittstelle zweier Realitäten spielen soll? Was bleibt, ist eine unnötig verkomplizierte Story (oder besser: zwei unnötig verkomplizierte Storys), die das Rampenlicht sucht, wo eigentlich die Bilder im Vordergrund stehen müssten. “Where do dreams go when they die?” fragt die Tagline des DVD-Covers mysteriös orakelnd. Ich weiß es nicht sicher, bezweifele aber, dass sie sich in die Filme von Regisseuren verirren, die als Kolportageautoren besser aufgehoben wären. Love & Crime zum Tausendsten. Und ein sehr guter Einstieg. 5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 10.09.2016)
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