Firecracker

Firecracker

(Regie: Steve Balderson – USA, 2004)

Wamego, Kansas in den 60iger Jahren. Jimmy (Jak Kendall), jung und sensibel, hat sich selbst das Klavierspielen beigebracht und ist äußerst verhalten anderen Menschen gegenüber. Zuhause leidet er nicht nur unter der religiös fanatischen Mutter (Karen Black) und dem geistesabwesenden Vater, sondern vor allem unter dem gewalttätigem Bruder David (Mike Patton), der ihn tyrannisiert und misshandelt. Als ein Jahrmarkt in die Stadt zieht, ist Jimmy von den bunten Farben und grellen Lichtern fasziniert. Hier erblickt er die mysteriöse Sängerin Sandra (Karen Black), die seiner Mutter zum verwechseln ähnlich sieht. Sie begeistert ihn und er wünscht sich zusammen mit ihr und dem Rummel die Stadt zu verlassen. Doch auch Bruder David ist Attraktion Sandra nicht entgangen. Bereits letztes Jahr kam er ihr nahe und auch dieses Mal will er sie wieder haben. Sandra allerdings würdigt ihn keines Blickes. Als der Jahrmarkt schließlich weiterzieht, ist mit ihm nicht Jimmy, sondern sein Bruder David verschwunden. Die Dorfpolizistin Ed (Susan Traylor) ist misstrauisch und stellt Nachforschungen an.

Drei Texttafeln, darauf große nüchterne Lettern, leuchten auf und weisen umstandslos darauf hin, dass der Zuschauer nun Zeuge einer Tragödie wird. Nach wahren Ereignissen, die sich in der Welt vor der Leinwand zugetragen haben. Und schon folgt die Kamera einem männlichen Schemen, einer Erscheinung, die die schwarzweiße Kinowelt des Kleinstadtamerikas der 1960er an sich vorbeirauschen lässt, weil er unwiderruflich einem Ort zustrebt, diesem entgegenhetzt – getrieben, gepeinigt. Die Kamera hat Mühe mit ihm Schritt zu halten und holt ihn erst auf den letzten Metern ein. Die Sonne gleißt, die Szenerie ist überbelichtet und wenn dieser junge Mann dann doch endlich zu fassen ist, verschluckt die Schwärze eines Schuppens und das Geheimnis darin sein gesamtes Universum, und hinterlässt ein schwarzes Loch auf der Leinwand, das auch beharrlich an den Rändern der Realität des Publikums nagt.
Die nächste Aufblende setzt für kurze Zeit alles wieder in den idyllischen Normalzustand zurück, den man aus Hollywood gewohnt ist: Die Dinge gehen ihren gewohnten Gang in Smalltown, USA. Arbeiter arbeiten, die Sheriffs zeigen Präsenz und junge Lausbuben hängen ihren Flausen nach. Regisseur und Drehbuchautor Steve Balderson fängt präzise den Look der vermeintlichen Unschuld ein. Doch der Zirkus kommt in die Stadt. Und mit den Freaks, den Clowns, den Artisten und deren Zuhältern zieht auch die Vergangenheit ein, welche man längst unters Trottoir gekehrt glaubte.
Um nicht in diesem staubigen Spießerstilleben zu ersticken, bleibt für einen Jungen, der sich mehr vorstellen kann, als den ganzen Tag zu arbeiten und sich danach zu betrinken, ein Ausflug in die Welt des fahrenden Volkes unumgänglich. Die Anziehungskraft der Freak-Karawane schillert in kräftigen Farben, vielleicht ist sie gar kein wirklicher Ort, sondern nur das Spiegelbild (oder Spiegelkabinett?) des “realen” Ortes im Nirgendwo von Kansas. Visuell ist das ein krasser Gegensatz zu den ersten Minuten des Films und Balderson wird diese Zweiteilung auch beibehalten. So wie auch Mike Patton und Karen Black Doppelrollen innehaben, die man als getrennte Figuren in der Wirklichkeit von “Firecracker” sehen kann, oder sie als Ausformungen und Projektionen der Charaktere aus dem schwarzweißen Teil des Films erlebt. Leider wirkt die Gestaltung über weite Strecken etwas willkürlich; vor allem der farbgewaltig strudelnde Karneval wirbelt oft nur als greller Tupfer, der die üblichen Abläufe des menschlichen Dramas interessantristisch aufhübschen muss, über die Leinwand. Die Schwarzweißfotografie wandelt sich jedoch stets und verlässt die heuchlerische Kleinstadtschraffur, um ihr Glück in hitzeflirrenden Westerneinstellungen zu suchen, sich aber schließlich und endlich dem abseitigen und unheimlichen Amerika geschlagen geben muss, welches Alfred Hitchcock in “Psycho” und George A. Romero in “Night of the Living Dead” zu bebildern wussten. Manchmal wähnt man auch die Klassiker des deutschen Expressionismus nicht weit; hier hat das Familiendrama deutliche Horroruntertöne. Vermutlich brachte dies einige der Kritiker zu dem allseits beliebten und ziemlich ausgelutschten Vergleich mit David Lynch, der in seinen Filmen auch die pittoresken Kleinstädte zum Ausgangspunkt für seine verschrobenen und morbiden Alltagsdekonstruktionen bestimmt.
Im Finale gelingt es Balderson dann doch noch die Farbenwelt des Zirkus aus der Staffage zu lösen und sie endlich zu einem gleichwertigen Teil von “Firecracker” zu machen. Mit jedem Faustschlag und jedem Fußtritt, den eine der Hauptfiguren einstecken muss, weicht die Farbe aus dem Requiem der Zukunftsträumereien, bis sie im rücksichtslos gleichgültigen Grau der Kleinstadt erstarrt. Das Leben und die Toten sind nivelliert, alle Hoffnungen zerstört – und so können die Dinge wieder ihren Lauf nehmen.
Karen Black meistert ihre Rolle gewohnt leicht und beiläufig, sie stellt unumstritten das schauspielerische Zentrum der zweiten Regiearbeit von Steve Balderson dar. Mike Patton dagegen, ist vor allem Musiker (z.B. bei Faith No More) und keineswegs ein Schauspieler. Seine Fettnäpfchen sind zahlreich und auch wenn Overacting und hölzernes Chargieren durchaus zu seiner Figur passen, bleibt er unglaubwürdig und grimassiert wild vor sich hin – zumindest als Direktor der Freakshow. Den anderen Teil der Doppelrolle gestaltet er dezenter, ohne hier einen konsistenten Charakter erschaffen zu können oder die Füße auf den Boden zu bringen.
Natürlich verhält sich diese True-Crime-Geschichte wie auch alle anderen True-Crime-Geschichten zur vermeintlichen Wirklichkeit: Die Geschichte ist ausgeschmückt und zugespitzt, ihr Personal verdichtet und aufgehübscht. Steve Balderson gibt das als Allererster zu. Vergessen wir einfach kurz diesen Taschenspielertrick, der billige Gänsehäute im praktischen Dutzend zum Trocknen in die Sonne hängt, und betrinken uns an den Seufzern der prächtigen Schwarzweißeinstellungen, den Knalleffekten des Zirkus und der Mitleidslosigkeit in Baldersons Familientragödie. Denn: “You are about to witness a tragedy.” Step right up! 7/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 01.10.2016)
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