Das 10. Opfer

Das 10. Opfer

(Regie: Elio Petri – Frankreich/Italien, 1965)

Im Jahr 2066 ist die “Lizenz zum Töten” Realität geworden: Wer bei organisierten Schaukämpfen zehn Menschen umbringt, wird Champion. So findet ein riesiges Medienspektakel statt, als die verführerische Caroline (Ursula Andress) ihr zehntes Opfer Marcello (Marcello Mastroianni) töten soll. Doch kein Elektronengehirn rechnet mehr mit dem Faktor Liebe…

Innerhalb von Sekunden verführt Elio Petris vierter und bekanntester Spielfilm “La decima vittima” (Originaltitel) den Zuschauer mit seiner knalligen, aber kühlen Pop-Art- und Werbeoptik, die in einem cinemascopisch angelegten Bilderbuch in den folgenden 90 Minuten, Seite um Seite, aufgeschlagen und mit Staunen durchblättert wird. Jede Einstellung, jedes Detail wirkt einzigartig, vital und dennoch kalkuliert, ein Wettstreit von Formen und Farben, dem die Kurzgeschichte “The 7th Victim” von Robert Sheckley zugrunde liegt: Eine dystopische Science-Fiction-Erzählung, welche die Scheußlichkeiten des Kapitalismus ruhig, aber offensiv und visionär, in eine nähere Zukunft verlängert.
Nicht wenige werden den Plot aus Filmen wie “Das Millionenspiel”, “Rollerball”, “The Running Man” oder “Battle Royale” kennen, auch die in den letzten Jahren sehr populären “Hunger Games” zehren von der Idee, die aus mehreren “short stories” des US-Autors Sheckley stammt – und auch von literarischen Kollegen wie Stephen King aufgegriffen und weiterverarbeitet wurde.
In Elio Petris “Das 10. Opfer” liegt der filmische Ursprung der massenmedialen Verwurstung der Menschenjagd, die einem bankrotten System entspringt, das sich nach dem Niedergang des Kommunismus zum Alleinherrscher über die Menschheit aufschwingen konnte und mit seinem widerwärtigen Konzept von Mehrwert und Profit auch den Menschen – neben und nach allen anderen Lebewesen – zum Untertanen und Erfüllungsgehilfen degradierte, der sich nun selbst mit der Auslöschung des eigenen Seins beschäftigt. 1965 erahnte man erst die parasitären Ausformungen, welche das System über die Jahre und Jahrzehnte annehmen sollte, selbst wenn man den Faschismus für eines der final ausgeprägten Endstadien des Kapitalismus hielt. Die Schlächter entledigten sich der Uniformen, kleideten sich mit frischen Gewändern und begannen erneut Lösungen anzubieten, die allesamt Endlösungen waren. Diesmal aber in einer schickeren Optik.
Genau diese macht sich Regisseur Petri zu Nutze, wenn er mit ihr menschenverachtende Spiele inszeniert, die in den Alltag der Spießbürger integriert wurden. Es ist kein Problem, seinem Verlangen zu töten nachzugeben, wenn man sich eine staatliche Lizenz erteilen lässt und die Gesetze beachtet. “Obey!” und “Consume!” befüllen den Großteil des gesellschaftlichen Imperativs; “Kill!” folgt ein wenig später und regulierter. Immerhin führte die Kanalisation der Gewalt zum Ende aller Kriege.
In dieser Welt, die so farbenfroh und futuristisch aussieht, wie man sich das nur Mitte der 1960er vorstellen konnte, frönt man ansonsten den auch heute üblichen Beschäftigungen; ausschließlich der Umgang mit Gewalt wurde neu geregelt. Über Lust und Liebe schwebt immer noch das Damoklesschwert der Ehe; eine besonders fiese Anfertigung der katholischen Fallensteller des Vatikans.
Die Entfaltung der Romanze zwischen Jägerin Caroline (Ursula Andress) und Gejagtem Marcello (Marcello Mastroianni) wird durch den Umstand behindert, jederzeit ein Ass im Ärmel haben zu müssen, sich rückversichern zu wollen und dem “Gegner” eine Nasenlänge voraus zu sein, um ihm ein Schnippchen schlagen zu können. Die tiefenentspannende Wirkung der Liebe kann so nie mehr genossen werden, da ein Sich-Fallenlassen ohne Netz und doppelten Boden unvorstellbar ist.
All diese gesellschaftskritischen An- und Einsichten sorgen für eine Kälte, die dem Film wirkungsvoll Farbe entzieht und frösteln lässt, wo strahlendster Sonnenschein die Szenerie liebkost und Leben seinen Ursprung in Primärfarben findet. “Das 10. Opfer” ist durch und durch ein Meisterwerk fürs Auge (ein Beispiel unter vielen sind die Helicoptershots Roms), das manchmal durch seinen sozialkritischen Unterbau torpediert wird, der den uneingeschränkten Zugang zur visuellen Glückseligkeit und den Genuss der Bilder unterbricht. Eine gängige Methode, die Medizin mit dem Zucker zu reichen, ein Tröpfchen LSD wäre mir hier aber lieber gewesen.
Leider kann ich mich auch überhaupt nicht für Ursula Andress begeistern, das allererste Bond-Girl, glaube aber zu verstehen, warum Elio Petris ausgerechnet sie zusammen mit Marcello Mastroianni gecastet hat: Der James-Bond-Lifestyle und die Lebemannqualitäten ergeben ein zuckersüßes Packpapier, das die artifizielle, dennoch atemberaubend schöne Oberfläche und Hülle von “La decima vittima” nochmals verstärkt. Es ist eben auch eine Lifestyle-Vision, eine Fingerübung in Coolness, Lässigkeit und Nonchalance. Einem Lifestyle, von dem die selbstoptimierten Fitnessmissgeburten unserer Zeit keinen blassen Schimmer haben. Stil trainiert man sich nicht an der Hantelbank an, gesundes Essen führt möglicherweise zu einem gesunden Körper, lässt den verkrüppelten Geist aber unberührt. “Why control the births when we can increase the deaths?” 9,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 04.10.2016)
Advertisements
This entry was posted in Film and tagged , , , , . Bookmark the permalink.

One Response to Das 10. Opfer

  1. Pingback: PAURAnoia: So eine Art Inhaltsverzeichnis | PAURAnoia - Gedanken beim Betrachten des Messerblocks

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s