Soft for Digging

Soft for Digging

(Regie: J.T. Petty – USA, 2001)

Der Landstreicher Virgil lebt in einer Hütte mitten in den Wäldern von Maryland. Auf der Suche nach seiner Katze beobachtet er, wie ein kleines Mädchen ihren Hund begräbt. Als der Mann, der ihr dabei hilft, nach getaner Arbeit das Mädchen erwürgt, rennt Virgil um sein Leben und informiert die örtliche Polizei. Doch die anschließende Suche bleibt erfolglos, und so stellt Virgil selbst Nachforschungen an…

Stell dir vor, du teilst die Träume eines toten Mädchens, in lockerer Erde und feuchtem Laub. Halbherzig festgetreten, vielleicht nicht mal gut genug verscharrt, um den Kadaver vor dem Hunger der Wildtiere zu schützen. Dieser Eindruck, mehr noch ein Geruch, als ein Gefühl, nieselt durch J.T. Pettys Debüt “Soft for Digging”, das an einer New Yorker Kunsthochschule entstand. Ein Horrorfilm, der seine Bilder nicht mehr zusätzlich in Sprache übersetzt, sondern allein das Gefilmte wirken lässt, das größtenteils in einer abgelegenen Hütte und einem Wald spielt, zwischendrin aber auch einen kurzen Abstecher in ein Waisenhaus wagt, dessen Treppenfluchten etwas verstörend Gotisches haben, obwohl sie im nüchternen Verwaltungsstil der modernen Verwahranstalten gebaut wurden.
Ein überwältigendes Gefühl von Trauer und Trostlosigkeit lastet schwer auf den Bildern der Wälder, in die Virgil eines Morgens aufbricht (und an deren Rändern er ansonsten in einer kargen Hütte lebt), um seine ausgebüxte Katze zu suchen. Die Kamera begleitet ihn ruhig und schwebend; in gespenstischen Schlieren zieht sie unausweichliche Ängste hinter sich drein: Die Unheimlichkeit des Waldes, die Angst vor Verlust eines geliebten Wesens, das Altern und der schrittweise geistige und körperliche Abbau, der letztendlich zum Wahnsinn führt oder in der Hilflosigkeit eines Kleinkindes mündet. Manches davon wird erst später im Film klar, liegt aber schon in den ersten Szenen begründet, in denen Virgil wie eine Mischung aus Graf Orlok und Oskar Lafontaine im roten Morgenmantel und langen, weißen Unterhosen durch den trüben Wald zieht – ein kleines quäkendes Gummispielzeug an seiner Seite, das nach der verschollenen Katze ruft. Die umgebenden Naturgeräusche und ein wenig Musik bleiben die einzige akustische Untermalung. Der erste zusammenhängende Satz fällt nach einer knappen halben Stunde – und wird von einer Toten gesprochen.
J.T. Petty (“The Burrowers”, “Mimic 3”) verzichtet auf die umständliche Abstraktion der Sprache und telegrafiert alles, was er ausdrücken will, in die Bilder des Films. Sollte es innerhalb des Scripts dann doch mal zu einem Telefongespräch oder ähnlichem kommen, zieht sich die Kamera dezent zurück und begutachtet das Minenspiel des Protagonisten lethargisch aus der Ferne. Sprache ist keine Option. Ironischerweise sollte Regisseur Petty später als Dialogautor für erfolgreiche Computerspiele arbeiten.
Man beginnt sich ein wenig Sorgen um Virgil zu machen, als er mehrmals die Leiche eines Mädchens ausfindig macht, nur um dann mit Polizisten an die vermeintliche Grabesstätte zurückzukehren, diese zu einer Ausgrabungsstätte zu machen – und nichts vorzufinden. Der alte Mann, der bisher autonom am Waldesrand lebte, muss sich mit dem Gedanken anfreunden, in ein Altersheim abgeschoben zu werden.
Mit dieser Vorstellung betreten wir schon die zweite Ebene von “Soft for Digging” (der sich, trotz seines im Tempo gedrosselten, aber sehr wirkungsvollen Grusels, ungeheuerlicherweise Vergleiche mit einer hysterischen Stinkmorchel wie “The Blair Witch Project” gefallen lassen musste), die tiefsitzende Ängste vor dem Verlassenwerden, gerade als Kind oder älterer Mensch, thematisiert. Weder der unheimliche Wald, noch die obskuren Vorgänge darin, hatten direkte und ganz konkrete Auswirkungen auf das Leben. Erst als die Gesellschaft einbezogen wird, die hier nur in Form von Institutionen und ihren Vertretern auftritt (die Polizisten, der Priester, der Zeitungsjunge), dauerlaufen die kalten Schauer über den Rücken: Etwas wird sich verändern – und nicht zum Guten.
Die Sprachlosigkeit in der Form überträgt sich auch auf den erzählerischen Schluss des Films, der mit einer galligen Pointe aufwartet, die so manchen Zuschauer vergrätzen könnte. Wie J.T. Petty in einem Handstreich alle Sympathien vom Tisch fegt, die er über eine Stunde aufgebaut hat, ist konsequent und bringt “Soft for Digging” angriffslustig und zugespitzt zu Ende, während er vorher vor allem eine poetische Reflexion in kargen Bildern über die Mannigfaltigkeit der Angst war.
Man mag den Regenschauer zuerst nicht fürchten, ihn für eine willkommene Abwechslung halten; wenn dann aber die Nässe in die Klamotten und die Kälte in die Knochen kriecht, verwünscht man sich selbst, ob des unangebrachten Optimismus. J.T. Pettys Kamera hat dies alles gesehen. Niemand wird ein Wort darüber verlieren.
Leg die Schaufel zur Seite, gleich neben die Pfütze, und stell dir vor, du teilst die Träume eines toten Mädchens, in lockerer Erde und feuchtem Laub. 7,5/10

Ausschnitt

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 07.10.2016)
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