Maggie

Maggie

(Regie: Henry Hobson – USA, 2015)

Wade Vogels (Arnold Schwarzenegger) Tochter Maggie (Abigail Breslin) wurde bei einem heimlichen Ausflug in die postapokalyptische Großstadt trotz aller Kontrollen von einem Zombie angegriffen und verletzt. Die Maschinerie aus Arztbesuchen, Quarantäne und Sicherheitsbestimmungen setzt nun ein und droht das Mädchen zu verschlingen. Doch Farmer Wade holt sie nach Hause. Der zunehmend verzweifelte Vater wünscht sich einige letzte schöne Tage und eine kontrollierte Sterbebegleitung für seine Tochter, deren pubertärer Dickkopf ihm im Angesicht der Schrecken und der sichtbaren Transformation des Kindes seinen Leidensweg noch verstärken. Und der Tag der Entscheidung rückt näher, während Maggie sich zu einer Gefahr für ihre Umwelt und Mitmenschen entwickelt…

Alles begann mit dem halbwüchsigen Alois aus der Steiermark, der sich aufpumpte, aufblies und aufblähte, bis man ihm den Titel des “Mister Universum” zugestand. Der hohle Ballon, den das Bodybuilding gebar, füllte sich aufgrund des Ruhms mit heißer Luft und schwebte gen Hollywood, wo man von oberflächlich interessanten und attraktiven Dingen zehrt, so dass eine Leinwandkarriere ihren Lauf nahm, die genauso aufgepumpt und leer war, aber Millionen Dollars in die Kassen der Filmindustrie spülte. Im Geiste Ronald Reagans war es dann auch nur ein kleiner Schritt vom “Schauspieler” zum Politdarsteller.
Arnold Schwarzenegger widerlegt gründlich die Behauptung des Mathematikunterrichts, mit minimalem Einsatz könne kein maximales Ergebnis erreicht werden. Wie viele andere “Top-Stars” (genannt seien zum Beispiel Tom Cruise und Angelina Jolie), bestritt Schwarzenegger nicht eine bemerkenswerte Rolle in seinem filmischen Leben und wirkte auch an keinem Film mit, der abseits des Blockbuster-Kinos (und für dessen genügsame Verfechter) eine Rolle spielen würde. Aber wenn ein Bauernlümmel aus Österreich über die Umwege des Bodybuildings nach Hollywood findet und dort in einen der einflussreichsten Clans der USA einheiratet, muss er ja etwas richtig gemacht haben. So zumindest die Apologeten von Geld, Macht und sozialem Aufstieg. Gerhard Schröder gefällt das.
Schwarzenegger ist ein Clown, ein Hampelmann, im allerbesten Falle ein “Körperschauspieler”, wie der Katholische Filmdienst mal euphemistisch über Arnies Mitbewerber Jean-Claude van Damme urteilte, und doch verfügt er über einen klotzköpfigen Charme, der ihn die gemeinsamen Szenen mit Abigail Breslin in “Maggie” beherrschen lässt. Die “Little Miss Sunshine” besitzt keine darstellerischen Möglichkeiten, um sich der Dominanz von Schwarzeneggers Statur zu entziehen, der mit wildem Bartwuchs und den vielen Falten und Runzeln des Alters jetzt auch optisch den Höhlenmenschen entspricht, die er in seiner Karriere am liebsten verkörperte.
Die Renaissance der lebenden Toten im Kino ging mit einigen Anpassungen an heutige Geisteshaltungen vonstatten; etwa die Verlagerung weg vom Horror- ins Action-Genre, wo selbst die rottenden Untoten sich dem Zeitgeist der Selbstoptimierung nicht verschließen können und demnach spurten, anstatt zu schlurfen. Danke, Zack Snyder. Schönen Dank auch, Danny Boyle. In solch einem Szenario, das auf Macho-Geballer und Muskeln setzt, würde man Schwarzenegger nicht sofort als Fremdkörper ausmachen können. Auch im unsinnigen Format der TV-Serie kamen die Toten zurück, und bescherten mir dort schmerzvollere Qualen als die Action-Variante: Im Grunde ihres Herzens (und ihrer Struktur) sind all diese Fernsehserien Soaps, welche die Ränkespiele, die Intrigen und das ganze Brimborium von “Dallas” und “Denver” zurückbringen – für ein jüngeres Publikum, nun eben mit Drachen oder Zombies.
Da möchte ich es “Maggie” gar nicht zum Vorwurf machen, wenn er die apokalyptische Weitsicht des Zombiefilms dimmt und die Wahrnehmung auf die Kleinfamilie beschränkt, wo vorher gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge diskutiert wurden, denn abseits der melodramatischen Szenen besinnt sich Regisseur Henry Hobson in seinem Debüt auf das Unheimliche. Keine billigen Schocks, die über Massenszenen oder hektische Action erzeugt werden sollen, sondern Bilder des Grauens und des Verfalls. Es sind persönliche Bilder des Niedergangs einer Familie, die sich nur noch um sich selbst dreht – ihr Bezug zur Welt ist verlorengegangen und konnte nicht aufrechterhalten werden. Als Stimme der Vernunft tritt – ausgerechnet! – die Dorfpolizei auf.
In den ausgewaschenen Farben von “Maggie” findet man (neben der Zombieseuche) viele andere Themen des Familendramas: Die Pubertät, der Verlust eines Elternteils, die Patchwork-Familie, die tödliche Krankheit, die “böse” Stiefmutter. Leider ist die emotionale Ebene von “Maggie” ebenso aufgeblasen und hohl wie Schwarzeneggers Karriere; sie kann sich nicht von den Klischees des Hollywoodfilms lösen, inklusive der Heuchelei, wenn es um das Sterben der Lieben und das Töten der Anderen geht. Hier versagen nicht nur Hobson mit seiner Allerweltsinszenierung der Gefühle, sondern auch Schwarzeneggers Schauspiel und die blasse Abigail Breslin als titelgebende “Maggie”. Schließlich schreckt Hobson im Finale ebenfalls vor einer Lösung zurück, die sich außerhalb der Hollywoodspielregeln verorten ließe: Der Zombiefreitod, der in glückseligen Jenseitsszenen der Wiedervereinigung von Mutter und Tochter gipfelt, erspart Schwarzenegger ein weiteres ernsthaftes, aber debil flackerndes Gesicht aufzusetzen, wenn er die Schrotflinte, die er wie der Terminator hält, auf seine Tochter anlegen muss. So kann man mit dem heißen Eisen “aktive Sterbehilfe” hantieren, ohne sich die Finger zu verbrennen.
Die vollmundige Ankündigung von Presse und Verleih, hier einen “anderen” Arnold Schwarzenegger erleben zu können, ist natürlich Blödsinn. Sein Spiel unterscheidet sich nicht von dem gewohnten Murks aus runtergekurbelten Schnellschüssen wie “Collateral Damage”. Trotzdem etabliert sich “Maggie” über weite Strecken als gelungenes Zombie-Drama, das mit seiner düsteren Ruhe überzeugt, ein paar wirklich unheimliche Szenen entwirft (auch dank des großartigen Zombie-Make-Ups) und darüber all seine kleineren und größeren Fehler vorübergehend vergessen lässt. 6,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 26.10.2016)
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