Livid – Das Blut der Ballerinas

Livid – Das Blut der Ballerinas

(Regie: Alexandre Bustillo/Julien Maury – Frankreich, 2011)

Lucys erster Tag als häusliche Krankenpflegerin führt sie in die marode Villa von Mrs. Jessel, die bereits seit Jahren in einem tiefen Koma liegt. Lucys geschwätzige Kollegin erzählt ihr, dass Mrs. Jessel früher eine gefürchtete Ballettlehrerin war. Und man vermute einen großen Schatz in ihrer unheimlichen Villa. Zusammen mit ihren Freunden William und Ben macht sich Lucy in einer Nacht schließlich auf die Suche und sie brechen in die Villa der alten Lady ein. Erst scheint auch alles glatt zu laufen, aber dann verschwindet William plötzlich in einer Wand und landet in einem geheimen Zimmer. Was er dort erleidet, geht über seine Vorstellungskraft. Doch dadurch scheint sich das schaurige Geheimnis endlich zu lüften, aber auch die jungen Leute regelrecht aufzufressen.

Die wenigen Momente der Dämmerung können darüber entscheiden, ob man die Melodie einer Spieluhr als fragilen Klang einer melancholischen Zärtlichkeit wahrnimmt, oder Todesängste aussteht, weil der selbe Klang furchtbare Erinnerungen und Vorahnungen weckt. Vielleicht liegt die Janusköpfigkeit einer Spieluhr in ihrem dualen Charakter begründet: Sie ist ein Ding, ein von Menschen geschaffenes, mechanisches Etwas, dessen Zahnräder ineinander greifen und den Weg zurücklegen, den sie zurücklegen müssen. Gleichzeitig erklingen diese feinen, ätherischen Töne, die tief berühren, ohne sich in der stofflichen Welt gemein machen zu müssen. Die Spieluhr ist ein mechanisches Artefakt zur Geisterbeschwörung, ein Zauber, der durch Maschinen hervorgerufen wird, diese aber transzendiert und ein unabhängiges Leben führt.
Für Lucy (gespielt von der wunderbaren Chloé Coulloud) scheint diese Unabhängigkeit in weiter Ferne zu liegen. Sie betritt gerade erst das Reich der Zahnräder des Sachzwangs und schlüpft mit jugendlicher Leichtigkeit zwischen den Dampfhämmern hindurch, deren Todesstoß gewiss ist, über dessen Zeitpunkt man gemeinhin jedoch nicht informiert wird. Sie hadert mit dem Selbstmord ihrer Mutter und dem fragwürdigen Gebaren des Vaters, der schon wieder auf Freiersfüßen wandelt; gedankenlos, in den Vorgängen gefangen, die (V)erwachsene und Abgestumpfte als “das echte Leben” bezeichnen.
In ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin (ein reizend ungewohntes Berufsbild, ist man doch die geistlosen Charakterschablonen von Polizisten, Detektiven und Studenten gewohnt) begegnet sie einer Frau, die durch ihre aufgesetzten, zynischen Sprüche auch nicht leugnen kann, dass sie zu den Vermoderten gehört. Zu den Untoten, die es sich in ihren kleinen Leben eingerichtet haben und nun dem Grab entgegenfaulen. So muss ihr ein kriminelles Angebot nicht lange schmackhaft gemacht werden. Die Flucht aus einem Arbeiterklasseleben scheint nur auf diesem Wege möglich – und die Chancen stehen tatsächlich nicht schlecht.
Die durch einen blau-grauen Filter fotografierten Naturaufnahmen, der morbiden Leinwandpoesie eines Jean Rollin verwandt, bereiten den atmosphärischen Boden für einen märchenhaften Horrorfilm europäischer Prägung, der von der Selbstermächtigung einer jungen Frau erzählt, die nicht vor Gewalt zurückschreckt, um dem Joch der familiären und gesellschaftlichen Zwänge zu entkommen. Dies teilen die Regisseure Alexandre Bustillo und Julien Maury (“Inside”, “Among The Living”) auf zwei Charaktere auf: Während Lucy vor allem einen Bezug zur Wirklichkeit der jungen Kinobesucher herstellen soll und den widerlichen Trott des Alltags auswendig kennt, finden die beiden Filmemacher mit Anna (und dem physischen Zerbrechen ihres Rückgrats durch die strenge Mutter) eine grobe, aber funktionierende Bild-Metapher für den rücksichtslosen Missbrauch des Individuums durch Familie und Gesellschaft.
Auf dem Papier klingt das alles ein wenig trübsinnig und der Realität verhaftet, in “Livide” (französischer Originaltitel) wechseln aber die Schatten des Waldes und der Heide mit dem sepiafarbenen Albtraum einer Spiegelwelt, in der Ballerinas Menschen totschlagen und der Hutmacher seinen Kopf verloren hat, bevor er die Königin zum Nichtgeburtstag einladen konnte. Ab der ersten Einstellung an einer Bushaltestelle liegt das Unbehagen über “Livid”, gesteigert durch den Anblick einer über-hundertjährigen Frau mit pergamentener Haut und Vaderschem Beatmungsgerät, endend in blankem Terror, wenn der Hammer kreist und Köpfe zerrissen werden. “Livid” stammt aus der Feder der Macher von “Inside – À l’intérieur” – und während sie uns dort noch vorführten, wieviel Spaß man mit einer Hochschwangeren und einer Schere haben kann, erzwingen sie hier einen Brudermord. Der Gewaltgrad ist hoch, die Darstellung drastisch. Kein Film für subtile Seelchen, aber wie könnten die sich auch in ein Juwel der neuen französischen Horrorwelle verirren? (Die FSK hatte einen guten Tag und vergab eine “Ab 18”.)
Neben dem Allzuweltlichen, dem Profanen, stoßen Bustillo und Maury die Tür ein klein wenig weiter auf, um mit geschickt eingepassten Fantasy-Momenten dem Terror zu entfliehen und im Horror anzukommen. Mutter und Tochter des Hauses, in das Lucy und ihre Freunde einbrechen, sind Hexen. Und nicht irgendwelche Hexen: Lucy fällt ein Dokument über den Besuch einer Tanzschule in Freiburg, Anfang des frühen 20. Jahrhunderts, in die Hände; ein Diplom, das “Livid” mit Dario Argentos “Suspiria” verbindet und eine Ahnung bestätigt, die früh im Film aufstieg. Ganz im Sinne des Maestros gibt sich “Livid” als kunstvoll gestalteter Schocker, der Argentos artifizielle Bildwelten aber ein wenig zurückfährt, um auch dem Schrecken des Daseins Platz einzuräumen, gipfelnd in einer schwarzromantischen Freiheitsimagination.
So macht “Das Blut der Ballerinas” gleich zwei Filme obsolet: Argentos eigenen katastrophalen Abschluss der 3-Mütter-Trilogie “La terza madre” – und den zum Scheitern verurteilten Versuch eines Remakes von “Suspiria”, an dem sich Hollywood gerade gewaltig verhebt. Unbedingt anschauen. 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 04.11.2016)
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