Ink

Ink

(Regie: Jamin Winans – USA, 2009)

Emma und John – Tochter und Vater – geraten zwischen die Fronten zweier Parteien, die während des Schlafes der Menschen für deren gute und die bösen Träume verantwortlich sind, und in eine Schlacht, in der Johns Seele auf dem Spiel steht und in der Emma von einem immerwährenden Alptraum bedroht wird.

Die besseren Filme sind sich der engen Verwandtschaft des Kinos mit Rausch und Traum bewusst; sie versuchen sich erst gar nicht an einer apollinisch motivierten Darstellung von Realität, die auf die unzureichenden Werkzeuge der Naturwissenschaft zurückgreifen muss, welche einen verzerrten und eingeengten Blickwinkel zum alleingültigen erklärt. Die schwächer werdende Lichtquelle im Elektronenmikroskop entdeckt weitaus weniger Welten als die Vorstellung eines erblindenden Mannes.
“Ink” weiß um die Faszination des Unbewussten, welches die Limitierungen und milchig-getrübten Flecken des Alltags aufhebt, und kleidet sich dreist in Traumbildern, die eine höchst konventionelle und konservative Geschichte kaschieren müssen, die den Wertevorstellungen einer Gesellschaft huldigt, die wach oder unberauscht kaum zu ertragen ist.
Schon die ersten Trauminhalte des Films von Drehbuchautor und Regisseur Jamin Winans sind so einfallslos, dass man sie nur mit der Darstellung der Träume einer Durchschnittsbevölkerung rechtfertigen kann. Die Menschen in “Ink” bauen nicht nur Häuser, pflanzen Apfelbäumchen und zeugen Kinder, nein, sie träumen auch von einer Welt, die vom Duft frisch gebackener Apfelküchlein durchzogen ist. Das heißt, wenn sie Glück haben, und einer der “Storyteller” sie besucht. Im gegenteiligen Fall injiziert ein “Ink(ubus)” Alpträume, die höchst gewöhnlich ausfallen, selbst für die bräsige Mehrheitsgesellschaft der spießigen Vororte.
So weit scheint dies, trotz aller Mittelmäßigkeit, ein recht interessantes Setting zu erlauben, würde man innerhalb weniger Minuten nicht mit der Nase darauf gestoßen, dass hier mal wieder der ewige Kampf von Gut gegen Böse verhandelt wird. Und da es im Blockbusterkino der letzten Jahre kaum einen Guten gab, der kein kostümierter Kasper mit Superkräften war, zeichnet Jamin Winans die “Storyteller” als bunt zusammengewürfelte Truppe von jugendlichen, gesunden Helden mit besonderen Fähigkeiten. Die Konkurrenz der dunklen Seite darf sich einer klassischen Darstellung im Stil des Schnitters und einer Hexe erfreuen, neben den vielen grauen (und ergrauten) Herren, die gesichtslos das Böse in die Welt tragen. Ach, ja: Beide Truppen der Traumlandschaft sind ausgebildete und geübte Martial-Arts-Kämpfer, um den Wettstreit von Yin und Yang auch für eher simple Zeitgenossen begreifbar auf die Leinwand zu bringen. Die sinnlosen Actionsequenzen, die üblicherweise Turnübungen und Raufhändel vereinen, ziehen “Ink” in die Niederungen und die Beliebigkeit der synthetischen Klopperfilme hinab, die man dutzendweise vorgesetzt bekam, seitdem ein CGI-Unfall wie “Matrix” ein Millionenpublikum begeistern konnte. Ich schätze, daher stammt auch der leicht technoide Look von “Ink”, der dem Thema absolut nicht angemessen scheint und dafür sorgt, den Zuschauer (sich in einem mittelmäßigen Computerspiel wähnend) unterfordert und leicht gelangweilt zurückzulassen.
Immerhin bietet die Geschichte Halt, erzählt sie doch die alte Mär der Wichtigkeit der Kleinfamilie und bläst die Liebe zwischen Mama, Papa und Kind auf Kitschniveau auf, inklusive eines großen, sehr besorgten Zeigefingers, der auf die Fallstricke von Karriere, Drogen und Selbstverwirklichung hinweist. Ein Wink mit dem Zaun. Neonfarben und epilepsieauslösend blinkend.
Auf den letzten Seiten des Drehbuchentwurfs schien Jamin Winans seine Story wohl zu plakativ, und er erklärt den vorher physisch in der Welt der Lebenden ausgetragenen Konflikt einfach zum inneren Dilemma eines Vaters, der sich mit dem Suizid seiner Ehefrau und dem Verlust des Sorgerechts für sein Kind arrangieren muss, dazu aber nicht in der Lage ist. Eigentlich ein netter Versuch; die von Anfang an vorhandene dichotomische Kategorisierung in Gut und Böse lässt die Uneindeutigkeiten der Traumwelt aber ausgesperrt und versucht den Zuschauer auf gesellschaftlich erwünschtes Verhalten zu konditionieren. Und vielleicht ist “Ink” auch einfach ein Kinderfilm, der sich die visuellen Reize des (Alp-)Traums zu eigen macht, um pädagogisch Moral zu vermitteln, die die Familie ins Zentrum des Universums und allen Lebens stellt.
Abgesehen davon unterhält “Ink” über 100 Minuten passabel und entwirft auch hin und wieder Szenen, die man sich gerne anschaut. Besonders beeindruckend ist das knappe Budget von 250.000 US-Dollar, welches Regisseur Winans clever nutzt, um mit den Multimillionendollarspektakeln der Cineplexe gleichzuziehen. Nebenbei hat er auch gleich noch die Musik komponiert und stellt sein Gefühl für Rhythmus in “Ink” etwas zu selbstgefällig aus, wodurch manche Sequenzen eher schlichten Musikvideoclips ähneln, denn einem Fantasy-Abenteuer.
Für einen kurzen, oberflächlichen Ausflug sicher nett, aber im Zuge der verpassten Möglichkeiten schon fast auf dem Weg zum Ärgernis, stört die Zuckerwatte im Kopf des Autors vor allem eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, die hier größtenteils in Kampfchoreographien umgesetzt wird. “Ink” stünde eine höhere Dosis Psychoanalyse und Magie deutlich besser zu Gesicht, als die Essenz eines “Tae Bo”-Kaufvideos. 6/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 17.11.2016)
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