Eden Log

Eden Log

(Regie: Franck Vestiel – Frankreich, 2007)

Ein Mann erwacht in einer dunklen Höhle, neben ihm ein verwesender Körper. Doch er hat keine Erinnerung, was geschehen ist und was es mit der Leiche und der Höhle auf sich hat. Er versucht zu entkommen, wird jedoch stets von unheimlichen Kreaturen verfolgt. Auf der Suche nach einem Ausweg stößt er auf das, was sich hinter dem düsteren Tunnelsystem verbirgt und was die mysteriöse Organisation “Eden Log” damit zu tun hat…

Vieles in Franck Vestiels Regiedebüt “Eden Log” erinnert an die Labyrinthe der Egoshooter, die sich havarierten Sci-Fi-Welten widmeten, bevor es unter den Spielern populär wurde, ihren Nervenkitzel in Gefechten zu suchen, die echten Konflikten und Kriegen nachempfunden waren: Vom Terrorismus bis zum Ersten Weltkrieg bildet das Spielfeld heutzutage weit realistischere Schlachtfelder ab, als etwa eine von Dämonen heimgesuchte Raumstation auf einem entfernten Planeten der Zukunft.
In “Eden Log” erhebt sich ein zunächst Namens- und Identitätsloser aus dem Schlamm der Ur-Suppe, um seine ihm feindlich gesinnte Umgebung zu erforschen. Die nette, geburtsähnliche Sequenz endet mit der Nutzbarmachung des Lichts. Es ist kaltes, elektrisches Licht, das die Grube oder Höhle beleuchtet. Und während es den visuellen Ton des Films bestimmt (ein sehr blasses, bläuliches “Soylent” Grün auf dem Weg ins kontrastreiche Schwarzweiß), erzählt es uns auch ein wenig über den Ort, an dem wir uns befinden: Kein mythischer Nichtplatz, keine Traumlandschaft, viel eher ein ungemütliches Bergwerk, sehr lange nach Industrialisierung und Digitalisierung. Ein Menschenort, der erbärmlich nach Fron und Arbeit stinkt. Vestiel nutzt seine desorientierende Eröffnungssequenz, um diesen Eindruck zu unterdrücken, verstärkt den Willen zur Phantasie mit Trugbildern und Horrorimpressionen, die sich zuletzt jedoch als unvermeidlicher Teil einer fehlgeschlagenen Technik erweisen.
Entweder sickerte mir diese Erkenntnis nur sehr langsam ins Bewusstsein oder ich wollte es noch nicht wahrhaben, weil mein Hirn in der Dunkelheit und mit dem stark assoziativen “Eden” im Titel, jede Baumwurzel, die sich zwischen die mit Elektronik durchwachsenen Stahl- und Betonbauten der Menschen gezogen hatte, als Teil des Weltenbaums begreifen wollte. Als “axis mundi”, der Schnellstraße zwischen Ober- und Unterwelt, die Schamanen mit ihren Ayahuasca-Vehikeln bereisen. Und tatsächlich findet eine Reise statt, die aus dem schwärzesten Zustand der Ohnmacht zu einer kuppelsprengenden Erleuchtung führt – dies aber weniger symbolisch, als ich es erwartet hatte. Die Botschaft im Herzen von “Eden Log” ist ökologisch-moralischer Natur und ergibt in ihrer Darstellung des Spannungsfelds zwischen technischem Fortschritt, Umweltschutz und Menschlichkeit eine klassische Sci-Fi-Dystopie aus dem Lehrbuch.
Zunächst aber übernimmt der Egoshooter-Anteil des Films das Ruder: Wie in der Kinoversion von “Silent Hill” gibt es Schalter- und Schlüsselrätsel, sowie Konfrontationen mit Gegnern verschiedener Klassen, die ihre Konsolenherkunft nur schwer verleugnen können. Die sich stets vertiefende Hintergrundgeschichte “spielt” die Hauptfigur im Laufe des Films “frei”, beginnend mit einer großartigen Szene, in der aus Trümmerteilen nach und nach eine improvisierte Leinwand entsteht, auf der zum ersten Mal etwas Licht ins Dunkel der Hintergründe geworfen wird. Einer der optischen Leckerbissen von “Eden Log”, dessen Grundton düster angerührt wurde, um hier und da ein paar Kleckse Angst und Schrecken hinzuzufügen. Leider steht dann auch nach einer guten Stunde fest, dass sich hier wenig Metaphysisches versteckt und Regisseur und Co-Autor Franck Vestiel eine simple Sci-Fi-Geschichte erzählt, die er vor allem durch Auslassungen und Andeutungen spannender ausmalt, als es der Grundriss zulassen sollte. Die Kämpfe und Actionsequenzen sind zahlreich, aber kurz und gut dosiert, so dass “Eden Log” seine bedrückende Atmosphäre niemals den Scharmützeln preisgeben muss, die andere Filme dieser Art so ermüdend machen. Vestiel behält sein Finale fest im Fadenkreuz und verkalkuliert sich dennoch unangenehm mit der Sprengwirkung des Mindfucks: Eine Knallerbse, anstatt des anvisierten Feuerwerks, die in ihrer Wirkung in keinem Verhältnis zum vorherigen Teil des Films steht. Besonders bedauerlich, weil Vestiels visuelle und atmosphärische Raffinesse keinen zusammengezimmerten Höhepunkt aus der Werkstatt der Geschichtenerzähler gebraucht hätte, um “Eden Log” zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen. So entwurzelt das unverständliche Verlangen nach narrativer Vollpension die Elemente, die “Eden Log” über knapp 100 Minuten trugen, um mal wieder einen Märtyrer für die Sünden der Menschheit sterben zu lassen – mit Ausblick auf eine bessere Welt. Ohne Menschen. Immerhin. 7/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.12.2016)
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