Midnight Special

Midnight Special

(Regie: Jeff Nichols – USA, 2016)

Ein Vater flieht, um seinen kleinen Sohn Alton zu schützen und herauszufinden, was es mit den ungewöhnlichen Fähigkeiten des Jungen auf sich hat. Die Flucht vor religiösen Extremisten und der örtlichen Polizei eskaliert bald zu einer landesweiten Menschenjagd, an der auch die höchste Regierungsebene beteiligt ist. Letztlich muss der Vater alles riskieren, um Alton vor dem Schlimmsten zu bewahren und sein Schicksal zu erfüllen, das Auswirkungen auf die gesamte Welt haben könnte…

Ohne jemals zuvor einen Film von ihm gesehen zu haben (trotz der Meriten, die “Take Shelter” auf sich vereinen konnte), war mir Regisseur Jeff Nichols sofort sympathisch, als er in einem Interview die herausragende Bedeutung des Plots im zeitgenössischen Kino bemängelte. Die pedantische Ausformulierung der Geschichte(n) durch Berufsschreiberlinge, die jeden weißen Fleck der Landkarte geometrisch genau einzeichnen und auch noch in den passenden Farben kolorieren, erstickt ein weitergehendes Interesse für Story und Figuren im Keim, ermöglicht aber ein schnelles Konsumieren der Schauwerte, die ebenfalls nur gedankenlose Schablonen aus früheren Blockbustern sind; im besten Falle technisch aufgewertet, upgedated und erneut dem Publikumsgeschmack angepasst.
Hier beweist “Midnight Special” Mut zur Lücke und tupft Handlung, Orte und Charaktere nur grob auf die Leinwand, deutet Motivationen verschwommen an und überlässt den Rest der Vorstellungskraft des Zuschauers, der schnell in den Bann des mysteriösen Roadmovies gezogen wird; gerade weil die wenigen Informationen, die Jeff Nichols aushändigt, die Faszination befeuern und die Spannung von Minute zu Minute steigern können.
Wir befinden uns immer noch in der sicheren Umgebung des Unterhaltungskinos Hollywood’scher Prägung und lesen über die Spielzeit von Nichols viertem Film bekannte Topoi, Figuren, Handlungsstränge und Verhaltensweisen auf, die meist nur lose verknüpft sind. Vielleicht ist die Reduktion in “Midnight Special” erst durch das allgegenwärtige Zu-Ende-Erzählen der Leinwandgeschichten möglich, hat die Übermacht der akribisch und kleinkariert leerfabulierten Geschichten die Optionen geschaffen, die dem Zuschauer die Möglichkeit geben, die Lücken aus dem Gedächtnis oder der Vorstellung heraus aufzufüllen. So kommt es ganz auf das Publikum an, ob es die ollen Kamellen neu aufkocht oder andere Wege und Aussichten imaginisiert oder vielleicht auch halluziniert.
Die Realität in “Midnight Special” ist ein treffendes Abbild der aktuellen Weltgesellschaft, deren Paranoia in Gewalt umschlägt, befeuert durch religiösen Wahn- und Stumpfsinn, den Glauben an “Law & Order” und der Rücksichtslosigkeit im Umgang mit den Bedürftigen und Schwachen. Die Weigerung etwas außerhalb der Verwertbarkeit anzuerkennen, die sich für gewöhnlich “rational” nennt, macht aus vermeintlich aufgeklärten Menschen Viehhändler, die gierig sabbern, während sie den Schinken taxieren. Argumentiert wird nur noch mit Gewalt, die gesellschaftlichen Gruppen und Grüppchen finden keine gemeinsame Sprache mehr.
Umso verständlicher wirkt die eskapistische Auflösung, die Möglichkeit einer Paralleldimension oder eines Jenseits, von extraterrestrischen Welten – und obwohl man nichts über diese weiß, scheinen sie erstrebenswerter als die ermüdenden Brutalitäten und Hetzjagden der Menschen. Den meisten Heranwachsenden wird sehr schnell klar, dass nichts weniger neu unter dieser alten Sonne ist, als der Umgang der Menschen miteinander. Im Moment tritt das Mittelalter im Kopf der breiten Masse nur wieder deutlicher zutage. Die Bereitschaft, einem Mitmenschen eine Katzenmusik darzubieten, erreicht alte und vielleicht sogar neue Höhen.
Ähnlich wie John Carpenter versammelt auch Jeff Nichols eine Hand voll Schauspieler und Crew-Mitglieder um sich, die er von Film zu Film erneut einsetzt. Er schätzt tiefere Bekanntschaften und die Fähigkeiten seiner Kollegen. Persönlich wünsche ich mir, Kirsten Dunst solle bitte keinen Zugang zum engeren Kreis finden, ihre Rolle als Mutter des außergewöhnlich begabten Alton ist ziemlich überflüssig. “Midnight Special” würde auch komplett ohne sie funktionieren, sind doch alle Emotionen und Gedanken doppelt angelegt: Einmal als Original in Altons leiblichem Vater Roy – und als schwacher Widerschein in Kirsten Dunsts Mutterdarbietung. (Erstaunlicherweise komplettiert Nichols hier die Kleinfamilie, lässt aber immerhin den Großteil ihrer Vergangenheit im Dunkeln.)
Weil “Midnight Special” sich seiner Wurzeln im Genre-Kino bewusst ist, ermöglichen kurzweilige Action- und Thriller-Momente im Verbund mit dem gelungenen Score, der immer mal wieder die 80er evoziert, Sci-Fi-Unterhaltung abseits von sterbenslangweiligen Weltraumschlachten und schlecht gekleideten Superhelden. Weder die Menschheit, noch deren Welt stehen hier zur Disposition, im Gegenteil: Sie ist eher eine bemitleidenswerte, heruntergekommene Haltestelle auf dem Weg zum wirklichen Ziel – und das Schicksal der Zurückgelassenen so gut wie egal. 7/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 27.01.2017)
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