A Boy And His Dog

A Boy And His Dog

(Regie: L.Q. Jones – USA, 1975)

Nachdem der 4. Weltkrieg einen Großteil der Welt zerstört hat, zieht der Junge Vic, täglich auf der Suche nach Nahrung, Unterkunft und Sex, mit seinem durch Mutation sprechenden Hund durch die Gegend. Als er eines Tages eine junge Frau namens Quilla June trifft, erzählt diese ihm von einer unterirdischen Stadt, in der die Welt von früher noch erhalten sein soll. Schließlich führt die Flucht vor einer Bande von Plünderern Vic und June in besagte Stadt. Doch dort ist alles anders als erwartet…

Als dann endlich die Zivilisation unterging, tat sie es fünf Tage lang im psychedelischen Leuchten der Nuklearwaffenarsenale; der letzte große Auftritt des naturwissenschaftlichen Genies der Menschheit, bevor alles unter Schlamm und Schlacke begraben wurde. Doch selbst der größte anzunehmende Unfall, den man im Falle eines Krieges besser die “größte anzunehmende Dummheit” nennen sollte, bewahrt die Menschen nicht vor den Kategorien Rasse, Klasse und Geschlecht, so dass in der postapokalyptischen Welt von “A Boy And His Dog” ein paar Bessergestellte in einer künstlichen, unterirdischen Welt hausen, die sie aus den Trümmern der alten Welt errichteten und in der ewigen, himmellosen Dunkelheit des Bunkers bewohnen, während marodierende Truppen des Prekariats und abenteuerliche Einzelgänger auf der verheerten Oberfläche des Planeten ihr Überleben unter der sengenden Hitze der Sonne, die das wüste Land verbrennt, organisieren.
Regisseur L.Q. Jones zweiter Film ist so offensichtlich ein Vorbild für die “Mad Max”-Reihe, dass sogar in “Fury Road” noch Ideen aufblitzen, die 1975 schon in Don Johnsons Leinwanddebüt auftauchten. Der auf dem Truck festgezurrte Gitarrenspieler? Ganz sicher ein Einfall von Jones, der auch das Drehbuch nach einer 1969 erschienenen Kurzgeschichte von Harlan Ellison anfertigte und zuvor in vielen Western schauspielerte. Am Bekanntesten dürften seine Auftritte in den Filmen von Sam Peckinpah sein – und wie in den Filmen Peckinpahs, kann man in “Der Junge und sein Hund” (deutscher Verleihtitel) Probleme mit dem Frauenbild haben, das gezeichnet wird, vielleicht sogar schon von Frauenfeindlichkeit sprechen, obwohl das Science-Fiction-Abenteuer deutlich humorvollere Töne anschlägt als die grimmigen Gewaltorgien von “Bloody Sam”.
Der junge Vic (gespielt von Don Johnson, bekannt aus “Miami Vice”), von seinem vierbeinigen Begleiter fast durchgehend Albert genannt, zieht mit seinem Hund Blood durch die Wüste. Beide scheint eine längere Freundschaft zu verbinden, die auf den Annehmlichkeiten einer Zweckgemeinschaft beruhen: Vic besorgt das Futter, Blood kümmert sich um die Miezen. Richtig, der abgebrühte Wüstenköter kann nicht nur (telepathisch?) mit Vic kommunizieren und enzyklopädisches Wissen über die letzten Tage der Erde vorweisen, er hat auch einen untrüglichen Riecher für die Anwesenheit von Frauen. Diese sind Mangelware in den Tagen der Endzeit, mit der Betonung auf Ware: “A Boy And His Dog” beginnt mit einer Vergewaltigung, die weggeworfene und aufgeschlitzte Frauenleiber zurücklässt. Vic bedauert unter diesen Umständen nur, dass er nicht auch zum Stich kam.
Die beschränkten Lebensaussichten in der verdorrten Ödnis federt L.Q. Jones durch beeindruckend schöne und durchdachte Aufnahmen der Wüste ab, in deren Abbildung sich ein Freiheitsgefühl findet, das den Menschen aufgrund ihrer Lebensart verlorengegangen ist. Während diese im Dreck wühlen und sich um Nahrung prügeln, trotzt die Natur den hässlichen Tatsachen des Atomkriegs und atmet eine majestätische Selbstverständlichkeit, die Jones durch ständige Perspektivwechsel in immer neuen Variationen zeigt. Später orientiert sich der Blick der Kamera an den labyrinthischen Gängen, Rohren und Maschinen, die die Reste der Vorkriegswelt knapp unter der Oberfläche hinterlassen haben, um schließlich eine surreale Welt des Spießertums vorzuführen, die einem amerikanischen Postkartenidyll gleicht, das in die Schwärze der ewigen Finsternis getaucht wurde. Das herrschende Zwielicht setzt entlarvende Schlaglichter auf den keimenden, eher sogar aufblühenden Faschismus aus den Schößen des Bürgertums, das hier eine oberflächlich zivilisierte, aber rücksichtslose und brutale Gesellschaft installiert hat, die Werten wie Gehorsam huldigt und den “Law & Order”-Gedanken auf die subtile Bösartigkeit aus George Orwells “1984” reduziert.
Die Botschaft hinter dem ausnahmslos großartig fotografierten Film und seinen skurrilen Einfällen liegt in der Verteidigung der schönen Künste. Eine Welt ohne Musik, Film, Literatur und Philosophie degradiert den Menschen zu einem eindimensionalen Lumpensammler, dem die natürliche Würde abhanden gekommen ist. Der Mensch kann nicht leben, ohne sich über den Existenzkampf zu erheben. Natürlich reicht das nicht aus, wenn man sich die unterirdische Gesellschaft der Bessergestellten anschaut: Ihre angebliche Transzendenz des Überlebenskampfes sind dumme Regeln, verblödete Rituale, affige Vorschriften, stumpfe Traditionen und zurückgebliebene Folklore, die nur immer wieder in der Gewalt des Mobs gegen den Einzelnen münden. Beide Gesellschaften, oberirdisch wie unterirdisch, funktionieren auf ihre Art, dieses Vegetieren innerhalb der Fesseln der Gewalt bietet jedoch keine Alternative zu einem l(i)ebenswerten, inspirierten Dasein, das vor allem Blood hinter den Hügeln des Ödlands vermutet – Treibstoff: Hoffnung.
Diese Auffassung der Welt deckt sich mitunter auch mit Ray Manzareks (Organist und Komponist der Rockband The Doors) Ansichten, der zusammen mit Tim McIntire, der Vierbeiner Blood seine Stimme lieh, die Filmmusik komponierte und einspielte, welche zwischen populären Americana-Skizzen, dräuenden Synthesizern und Sci-Fi-Sounds changiert.
Über die audiovisuelle und gesellschaftskritische Klarheit von L.Q. Jones Endzeitvision kann man gleichzeitig so erfreut und von ihr fasziniert sein, dass einem die bissige, aber völlig beiläufig dargebrachte Schlusspointe entgehen könnte. Das krönende Beispiel des derben Humors, der “A Boy And His Dog” so unterhaltsam macht, abseits seiner pessimistischen Darstellung der Menschheit und der klugen Gedanken zu den (falschen) Formen ihrer Organisation. “Wer vertraut schon einem Polizeihund?” 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 11.02.2017)
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