Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood

Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood

(Regie: Hideshi Hino – Japan, 1985)

Ein Mann in einem Samurai-Kostüm entführt nachts eine Frau und bringt sie zu einem abgelegenen Keller, Ort einer bizarren Sammlung. Dort fesselt er sie an ein Bett, setzt sie unter Drogen und beginnt sie – Körperteil um Körperteil – zu zerstückeln.

Unter den ca. 6000 Videobändern, die bei der Festnahme des Serienmörders Tsutomu Miyazaki von der japanischen Polizei sichergestellt wurden, befand sich auch “Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood”, eine inhaltlich lose Fortsetzung des Splatterfilms “Guinea Pig: The Devil’s Experiment”, welcher wiederum mit der verbotenen Authentizität des Snuff-Films flirtete. Weil Tsutomu eines seiner Opfer auf ähnliche Weise tötete, wie der Protagonist in “Guinea Pig 2”, festigte sich der üble Leumund der Serie, welcher zuvor schon, durch ein Aufeinandertreffen mit der japanischen Justiz, die Öffentlichkeit erregte. Dem Vorbild des Prozesses gegen Ruggero Deodato und “Cannibal Holocaust” im Italien der frühen 1980er folgend, musste der Regisseur des ersten “Guinea Pig”-Teils vor Gericht nachweisen, dass niemand beim Dreh zu Schaden kam und sich alle Beteiligten – körperlich unversehrt – ihres Lebens erfreuten. Dazu fertigte man ein Video an, das die Spezialeffekte vorführte und ihre Funktionsweise erklärte. Teile dieses Tapes verwertete man später auch kommerziell als “Making of”-Bonusmaterial.
“Video” scheint in diesem Zusammenhang ein wichtiger Begriff zu sein, lässt sich die Rezeption der “Guinea Pig”-Filme doch alleine mit der Verbreitung der VHS-Rekorder erklären bzw. der Art, in welcher sich tabubrechende Horrorfilme unter dem Radar des Mainstreamkinos und -fernsehens weltweit über kopierte VHS-Kassetten verbreiteten.
Gut dreißig Jahre nach dem ersten Erscheinen stellt “The Devil’s Experiment” für medienerfahrene Jugendliche keine Herausforderung mehr dar: Selbst in (für seine Gewaltzensur besonders berüchtigt!) Deutschland kann man die “Guinea Pig”-Reihe als DVD- und Blu-ray-Release erwerben, remastert und mit Bonusmaterial (Teile der Reihe wurden beschlagnahmt, andere harren noch ihrer Aburteilung durch ein Gericht auf Liste B der BpjM).
Wie anders sahen die Reaktionen auf diesen Film wohl aus, wenn man Ende der 80er/Anfang der 90er die x-te Generation einer kopierten Videokassette im Freundeskreis (vielleicht auch über Brieffreundschaften im benachbarten Ausland) getauscht hatte.
“The Devil’s Experiment” behauptet zu Beginn ein wirkliches Snuff-Tape zu sein, ein Experiment “in Schmerzen”, gedreht zu pseudowissenschaftlichen Zwecken, aus den Archiven der Polizei. Ein frühes Beispiel des Found-Footage-Genres.
Manch einer mag die folgenden Folterszenen an einer jungen Frau für bare Münze genommen haben, der Authentizitätsfaktor einer von Hand beschrifteten und verrauschten VHS schlägt eine DVD-Veröffentlichung, im Kontext des Wissens um die ganze Filmreihe, um Längen. Und doch gibt es auch in “The Devil’s Experiment” auffällige Hinweise zur “Fakeness” des Geschehens: Die Beleuchtung ist professionell, die Farbgebung wirkt künstlich, um nicht zu sagen künstlerisch, und die vielen Wechsel der Kameraeinstellungen, sowie das häufige Verwenden extremer Nahaufnahmen sind ein sicheres Zeichen für das fiktionale Produkt von (splatter)filmaffinen Menschen.
“Flowers of Flesh and Blood” verzichtet auf das direkte Spiel mit dem Snuff-Feuer (vielleicht aufgrund der unschönen Begegnung mit der japanischen Gerichtsbarkeit), kann sich aber einen Bezug zur vermeintlichen Realität der Zuschauer nicht verkneifen, und behauptet, das vorliegende Video sei ein Reenactment eines 8mm-Amateurfilms, der Regisseur und Manga-Autor Hideshi Hino, zusammen mit dutzenden Fotografien und einem Brief, von einem Fan zugesandt wurde. Im Grunde auch nur eine verschärfte Version der “Based on true events”-Floskel, die den modernen Horrorfilm so gerne heimsucht, jedoch auch Nährboden für manchmal etwas plump anmutende künstlerische Ornamente, die sich abgeschmackter Bilder der Poesie bedienen, vielleicht, um die Splatter- und Gore-Effekte kitschig zu überhöhen, die hier zwar heftiger und blutiger als noch im ersten Teil ausfallen, aber schneller als Special FX auszumachen sind. Daher weiß ich auch nicht, ob ich der oft verbreiteten Geschichte trauen soll, Charlie Sheen habe nach einer privaten Videovorführung von “Flowers of Flesh and Blood” das FBI eingeschaltet, in der Annahme, er habe soeben einen echten Snuff-Film gesehen. Einem Menschen mitten aus dem Filmgeschäft muss die offensichtliche Inszenierung doch sofort ins Auge springen. Die wahrscheinlichere Variante wäre einfach ein guter Werbegag, um die Filmreihe auch in den USA und Europa bekannt zu machen, oder eine Verwechslung der Titel: “The Devil’s Experiment” könnte man eine solche Schockreaktion viel eher zutrauen.
Persönlich halte ich “Flowers of Flesh and Blood” für den gelungeneren Teil der Reihe, zum einen wegen meines Wissens um die Umstände der Entstehung von “The Devil’s Experiment”, zum anderen weil der Fokus nicht mehr auf den Qualen eines wehrlosen Menschen liegt, die sich auf ein empathisches Publikum übertragen sollen, sondern auf dem Spaß an der filmischen Umsetzung von frühkindlicher Neugier und Zerstörungswut, die mittels Splattereffekten den Geheimnissen des menschlichen Körpers auf den Grund gehen, ganz so, wie man als Dreijähriger seine Puppen und Spielzeuge auseinanderpflückte.
Kann die Zerstückelung eines Menschen als Unterhaltung dienen? Nicht unbedingt für jeden: Hideshis Film, dem ein paar Jahre später der noch phantastischere, künstlerische und poetischere “Guinea Pig 4: Mermaid In A Manhole” des selben Regisseurs folgen sollte, ist eher als filmhistorisches Dokument interessant, weil er zu den Werken gehörte, welche die Amateursplatterszene beeinflussten, die in den 1990ern ihren Höhepunkt auf Video feierte.
Dem gewöhnlichen Kinopublikum muss man Groteskes dieser Art mit einem Krimiplot unterjubeln, der ebenfalls eine moralische Rechtfertigung enthält. Wer nun immer noch ein Urteil über “Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood” und ähnlichen “filmischen Schmutz” fällen möchte, sollte sich an den Kinobesuch erinnern, bei dem ihm dieses kleine Horrorjuwel “SAW” so gut gefiel – und dann betreten schweigen. 6,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 17.02.2017)
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