Black Moon

Black Moon

(Regie: Louis Malle – Deutschland/Frankreich/Italien, 1975)

Die Jugendliche Lily (Cathryn Harrison) flüchtet vor einem grausamen Bürgerkrieg zwischen Männern und Frauen in ein abgelegenes Haus auf dem Land. In dem alten Haus trifft sie auf dessen äußerst seltsame Bewohner. Ein Schwein sitzt auf einem Stuhl am Küchentisch, eine Katze spielt im Wohnzimmer Klavier und eine alte Frau (Therese Giehse) liegt in ihrem Bett und unterhält sich in einer unbekannten Sprache mit einer Ratte und ihrem Radio. Im Garten des Landhauses begegnet Lily schließlich einem jungen Mann (Joe Dallesandro) und seiner Schwester (Alexandra Stewart), einer nackten Schar von Kindern, die mit einem riesigen Schwein spielt und einem Einhorn, das dort grast. Überaus irritiert von der skurrilen Situation, gewöhnt sich Lily langsam an die merkwürdigen Gestalten im Haus und im Garten, doch es warten noch weitere mysteriöse Begegnungen auf sie…

Das Autoradio berichtet von den Verbrechen der Großstadt, aber auch die bäuerlich geprägten Landschaften der Provinz werden schon von der Gewalt heimgesucht. Das erste Opfer in Regisseur Louis Malles untypischer Zukunftsmär ist ein Dachs, der unter die Räder der Protagonistin Lily gerät, die in einem kleinen, orangenen Auto durch das südwestliche Frankreich flieht. Die verwunschen wirkende Natur entblättert vulgäres Kriegsgerät: Panzer, Bomben, Maschinengewehre. Auf den ersten oberflächlichen Blick widmen sich die Menschen ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Blutvergießen. Die Lämmer rotten sich zusammen, ein Hirte erhängt sich. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass Lily kostümiert ist. Sie trägt Mantel und Hut, um männlich(er) zu wirken. Nahe der nächsten Straßensperre richtet ein Trupp Soldaten Frauen in Kampfmontur mit Maschinengewehren hin. Lily wird enttarnt, entkommt aber der potentiell tödlichen Situation und beginnt eher unfreiwillig einen Off-Road-Trip durch die Fluren und Wälder Frankreichs.
Es wird nicht klar, ob dies schon den Auftakt zum letzten Gefecht bedeutet, aber Männer und Frauen befinden sich im Krieg. Hier wird nicht mehr halb-ironisch diskutiert, wer nun von der Venus und wer vom Mars stammt, der Kriegsgott hat das letzte Wort und es lautet Dauerfeuer.
Die hässliche Situation irritiert, denn Frauen in Uniform, noch dazu langhaarig, die männliche Gefangene misshandeln und töten, finden sich sogar im Kino eher selten. Louis Malle verändert nur ein Attribut und schaltet damit die Zeichen auf surreal. Man hat schon von den Amazonen gehört, die Abenteuer von Wonder Woman und Catwoman erlitten, aber “echte” Frauen in einer “richtigen” Kriegssituation gehören nicht zur normierten Vorstellungswelt. Hier sind eigentlich zur Passivität verdammte Opfer plötzlich Täter und Aggressoren.
Lilys Flucht endet vor den Toren eines bürgerlichen Landhauses, ein Imitat ländlicher Heimeligkeit, gesehen durch die Augen eines gutbetuchten Stadtbewohners. Um das eigentliche Anwesen rankt sich ein recht großer und künstlich-verwilderter Garten, der die Märchenatmosphäre verstärkt. Das Haus gehörte Louis Malle, er drehte “Black Moon” nach einem langen Indien-Aufenthalt aus Heimatverbundenheit und Bequemlichkeit an diesem Ort, wohl auch, weil er hoffte, bisher unbekannte Seiten seines Selbsts erkunden zu können.
Die Farbpalette passt sich der äußeren Umgebung an und Malle wählt warme, erdverbundene Naturtöne, manchmal akzentuiert durch ein kräftiges Burgunderrot oder ein dunkles, aber saftiges Grün. Die Inneneinrichtung spiegelt dies wider und nimmt auch die gewollte und gestaltete Unordnung des Märchengartens auf. Alles soll ursprünglich wirken, trägt aber einen übernatürlichen Schimmer von Technologie und Stadt in sich.
Und so fühlt sich Lily bald, als wäre sie wie Alice durch das Kaninchenloch gefallen, während sie das Anwesen erkundet: Eine ältere Dame (gespielt von Brecht-Schauspielerin Therese Giehse, die kurz nach den Dreharbeiten verstarb), bettlägerig und amateurfunkend, pflegt Freundschaft und Konversation mit einer Ratte, nackte Kinder tollen im Schlepptau von Schweinen und Schafen durch die Gegend, Bruder und Schwester Lily (Charakteranteile, Inzest, Adam und Eva – dem Zuschauer steht so gut wie jede Theorie offen) führen den Geschlechterkampf auf einer subtileren Ebene fort, während ein pummeliges, schwarzes Einhorn klugscheißt. Das klingt nicht nur ein wenig willkürlich und zerfasert, viele der Szenen stehen eher unverbunden nebeneinander und werden vor allem durch die Dornröschenqualität der Märchenoptik zusammengehalten, für die Sven Nykvist verantwortlich zeichnet, Lieblingskameramann und -kollege Ingmar Bergmans.
Louis Malle überließ den Film schließlich der Interpretation seines Publikums, ein wenig enttäuscht darüber, in sich selbst keinen heißspornigen Wahnsinnigen mit Visionen gefunden zu haben, sondern einen Jungen mit romantischer Vorliebe für das ländliche Frankreich. Es wirkt, als wüssten die Beteiligten nicht richtig, was “Black Moon” ihnen bedeuten solle. Ein esoterischer Film, dessen Feeling weit über seinen Assoziationen, Parabeln oder gar der Hintergrundgeschichte steht, über seine Optik funktioniert und einen stimmigen Bilderreigen ergibt, dessen spärliche Dialoge zwar zur surrealen Atmosphäre beitragen, aber nicht vonnöten gewesen wären.
Vielleicht konnte Lily der Exekution zu Beginn des Films nicht entkommen und ihre aus dem Leben gerissene, aber der Krücke des Körpers entbundene Seele verkrampft sich in irdischen Kategorien, die jederzeit so sinnlos oder sinnstiftend sind, wie man es ihnen aus dem Moment heraus zugestehen möchte. Ein ruheloser Geist, ein Gespenst an den Toren des Jenseits, unfähig eine Aussage über die eigene Wahrnehmung zu treffen. Die verfahrene Situation lässt selbst die Gänseblümchen zum Himmel schreien. 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 14.03.2017)
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