A Fantastic Fear of Everything

A Fantastic Fear of Everything

(Regie: Crispian Mills – Großbritannien, 2012)

Eingeschlossen irgendwo hoch oben über der Themse in seinem knarzenden Altbauappartement wohnt und arbeitet der scheue Kriminalliterat Jack, studiert die Lebensläufe berühmter Londoner Mörder (an denen nie Mangel herrschte), und fürchtet sich dabei zu Tode vor allem und jedem, am meisten aber vor einem, der ihn womöglich ermorden wollen könnte. Als er sich mal zum Wäschewaschen vor die Tür wagt, lernt er zwar ein Mädchen kennen, aber prompt drohen auch seine schlimmsten Albträume wahr zu werden.

Als würde er seinen Fans versichern wollen, hier handele es sich tatsächlich um einen Film von ihm, spielt Crispian Mills in den ersten Realszenen seines Debüts “A Fantastic Fear of Everything”, welches mit einer viktorianisch-märchenhaften Animationssequenz beginnt, den Track “I See You” der Pretty Things aus deren Psych-Phase ein, dessen Sound einen hörbaren Einfluss auf Kula Shaker hatte. Richtig, Kula Shaker, eine der Größen des Britpop, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs mit Oasis gleichzogen, aber einen weitaus differenzierteren musikalischen Stil pflegen – und bis heute Crispian Mills eigentliche Lebensaufgabe verkörpern.
Im Laufe der Jahre verminderten sich die Gitarrenwände und fragile Folkstrukturen kamen zum Vorschein, nie verblasste hingegen der Einfluss indischer Ragas und psychedelischer Ideen in Crispian Mills Musik, die tief im britischen Pop der 1960er wurzelt.
Wenn der Sohn einer bekannten Schauspielerin plötzlich Interesse am Schreiben von Filmscripts bekundet, sollte man also davon ausgehen, hier keine gewöhnliche Geschichte vorgesetzt zu bekommen, die ein Rockstar während einer musikalischen Schreibblockade ausbaldowert hat. Auch wenn dieses Thema ein wenig in Mills erstem Film anklingt, handelt “A Fantastic Fear of Everything” doch vor allem von den Altlasten der Kindheit, die das (Nicht-)Tun und (Nicht-)Handeln in der Gegenwart bestimmen. Von Ängsten, die bisher durch kontinuierliche Arbeit verdrängt wurden. Im Falle von Protagonist Jack (in einer immer ein wenig exaltierten und sehr britischen Darstellung von Simon Pegg) mit dem Schreiben von Kinderbüchern, die die Erinnerungen an sein Kindheitstrauma bannten, bis er diese für ein ambitionierteres Projekt zurückstellt: Er möchte einen Bestseller über Serienmörder in Großbritannien verfassen. Innerhalb kürzester Zeit brechen alte Wunden wieder auf und Jack verbringt die Tage eingeschlossen in seiner geräumigen, aber verwahrlosten Wohnung, um unsichtbaren Feinden und Dämonen nachzujagen. Ein Paranoiker wie er im (selbstverfassten) Buche steht, wortwörtlich verängstigt von seinem eigenen Schatten.
Zusammen mit Co-Regisseur Chris Hopewell, der zuvor Werbefilme und Musikvideos (u.a. für Radiohead) drehte, achtet Mills präzise auf den Ton seines Films: Hier soll keine bedrückende Studie über einen Briten, der dem Wahnsinn verfällt, entstehen, sondern eine Sammlung unterhaltsamer Marotten, die ihre düsteren Untertöne nicht an oberflächliche Gags verschwendet. “A Fear of Everything” vermeidet zu intellektuelles Fahrwasser, bedient sich aber gerne popkultureller und filmhistorischer Querverweise. Die Diskussion über die Genre-Zugehörigkeit des lästigen Hits “The Final Countdown” von Europe z.B., zu dem ein verhinderter Serienkiller seinen Einmarsch in den Keller eines Waschsalons inszeniert. Dieser beharrt darauf, der Track sei “classic rock”, während Jack vehement die Ansicht verteidigt, es handele sich hierbei eindeutig um “80s hair metal”. (Zuvor rüstete sich Jack schon mit einem Rap-Mixtape namens “Uzilicious” für den Weg zum Waschsalon, Ort seines Kindheitstraumas, den er breitbeinig zu “The Wrong Nigga To Fuck Wit” von Ice Cube beschreitet, bis ihn ein Zusammenstoß mit dem Weihnachtsmann aus dem Takt bringt.) Mills setzt weniger auf Punchlines und Gags als skurrile Situationen, die sich aus den Spleens der Figuren ergeben.
Mitunter fließt diese Exzentrik auch in die visuelle Gestaltung von “Die fürchterliche Furcht vor dem Fürchterlichen” (deutscher Verleihtitel, fragt lieber nicht) ein, der im Grunde einen sehr märchenhaften Eindruck hinterlässt, obwohl mir der Ausdruck “children’s story” passender als das Wort “fairytale” erscheint. Einige Bilder sind eigen und farblich treffend komponiert, auffällige Spitzen in einer auch ansonsten liebevoll umgesetzten Gestaltung, die im Finale mit einer Stop-Motion-Animation glänzt, welche nicht nur Jacks Kinderbücher detailreich in Szene setzt, sondern auch das Gefühl vergangener Fernsehsonntagnachmittage der Kindheit auferstehen lässt.
Neben Seitenhieben auf die Polizei und die fadenscheinige Welt der Kulturindustrie, frotzelt Crispian Mills ein wenig über die Auflösung von Hitchcocks “Psycho” und gesellt sich zu den Künstlern, die Waschmaschinen eine tiefere, mysteriöse Bedeutung zugestehen, freilich nochmal auf einem ganz anderen Level als “Uzumaki” oder “Das brandneue Testament”.
Zuletzt findet sich auch der langjährige Kula-Shaker-Fan in “A Fantastic Fear of Everything” wieder, in der Verbindung des Großflächigen, Plakativen und sofort Zugänglichen mit den kontemplativen Elementen fernöstlicher Mystik, sowie den spinnerten Einfällen aus Volkstümlichem, aus dem Kleinmädchentraum, geträumt im Garten eines englischen Anwesens des viktorianischen Zeitalters an einem heißen Sommertag. Wer aufmerksam lauscht, vernimmt vielleicht sogar das Lachen von Grimble Crumble. Very whimsical, jolly good. 7,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 21.04.2017)
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