Liebe mich, wenn du dich traust

Liebe mich, wenn du dich traust

(Regie: Yann Samuel – Belgien/Frankreich, 2003)

Seit sie sich als Achtjährige auf den Straßen einer belgischen Kleinstadt kennen und schätzen lernten, sind Julien Janvier (Guillaume Canet) und Sophie Kowalski (Marion Cotillard) treue Freunde. Doch vor allem verbindet sie ein konsequent geführtes Spiel, bei dem einer den anderen mit immer wagemutigeren Streichen stets zu übertreffen sucht. Nach zehn Jahren, in denen sie sich nicht gesehen haben, kommt es zur alles entscheidenden “Top oder Flop”-Frage…

Wenn die Nacht hereinbricht, und die Abgeschmackteren unter ihnen in ihren Betten liegen und mit geschlossenen Augen in die Finsternis starren, werden dann die Lohnschreiber der Kulturindustrie manchmal von bedrohlichen Gedanken umzingelt, die ihnen ihre vergifteten Federn vor Augen führen, die im Akkord, zum lächerlichen Tariflohn, die Liebe aus dem Leben der Menschen herausschreiben? Die mit ihrem grob nachempfundenem Stümperhandwerk Gedanken und Gefühle in ihre Werkstatt ziehen, welche unter den Schlägen des Verseschmieds mit jedem Hieb zurechtgestutzt werden, bis sie völlig verkrüppelt in der Gewöhnlichkeit enden?
Beschleicht diese Menschen, die nur ihren Job machen, wie alle immer nur ihren Job machen, nie der Skrupel, dass sie Weltenvernichter sind, und wenn schon nicht Weltenvernichter, dann Gefühlsauflöser, die ihren Mitmenschen nur kleine, gespaltene Häufchen Zynismus übrig lassen, abgehobelt und zur Seite gespant, letztendlich kleinkariert zusammengefegt?
Wie unappetitlich sie mit ihren wurstigen Fingern auf die Kunstwerke zeigen, die der Dunkelheit entrissen wurden. Wie empört sie tun, wenn es zu Mord und Totschlag kommt. Wie sicher sie sich sind, hier läge der Hund begraben, ein Wolf des Menschen. Wie sie ihren Dackeln noch eine Leberwurst in die Kehle streichen.
Ob sich diese Leute, wenn sie alleine sind und nur ihre Rolle vor sich selbst spielen müssen, jemals gefragt haben, ob ihre Liebesschlager, ihre Liebesschwüre, ihre romantischen Komödien und Tragödien, die Ursache für die Auslöschung der Liebe in der unterhaltenden Kunst sind? Dass ihre wertlose Worthülsenbeschwörung der Liebe zu einem nihilistischen Zynismus geführt hat, der schon Blut erbricht, sobald auch nur ansatzweise ein positiver Gedanke ins Rampenlicht gestellt wird?
Es fällt leicht in “Liebe mich, wenn du dich traust” den Einfluss von Jean-Pierre Jeunets quicklebendig gestalteten Surrealismen (“MicMacs”, “Die Karte meiner Träume”) zu sehen: Die Farben lehnen sich unbekümmert ins Warme, ins Gelb-Orange, die Kamera pulst, schwelgt und läuft mit dem Leben der Geschichte um die Wette, die Yann Samuel erzählt. Er ist kein verbissener Totenwächter der in Stein gemeißelten Konventionen der Liebe, sondern ein neugieriger Naseweis, der sich an der Wiedererweckung des romantischen Unterhaltungsfilms versucht, jederzeit die Gefahr in Kauf nehmend kitschig zu wirken.
Dank seiner ungestümen kindlichen Energie, die manche Szenen vor Einfallsreichtum bersten lassen, nehme ich ihm seine positiven Gefühle ab. Ich fühle mich nicht verraten, ich fühle mich nicht verkauft. Der Nährboden seiner spielerischen Weltsicht sind die Tragödien, die alle Menschen umgeben, aber immer nur uns selbst zu betreffen scheinen: Rassismus, der Tod geliebter Menschen, die Gesellschaft als bedrohliches Gefängnis – um wenige von vielen zu nennen.
In seinem Drehbuch, seinen Storyboards und schließlich auch in der Inszenierung des Films von Yann Samuel basteln die Hauptfiguren, Julien und Sophie, aus jedem der bleiernen und potentiell geistesverödenden Schicksalsschläge ein Wagnis, eine Herausforderung, eine Leiter mit angesägten Sprossen zur nächsten Ebene, die durch die Missachtung gesellschaftlich vereinbarter Regeln erreicht wird, ausgestattet mit lebensklugen Aphorismen und respektlosen Frotzeleien, dynamischen Bildwelten und diversen Einspielungen von “La vie en rose”. Die erste ist Teil einer Wette: Sophie singt das Lied bei der Beerdigung von Juliens durch Krebs getötete Mutter, unbekümmert auf dem Grab tänzelnd. Ein Affront, welcher nur die Ausgangsqualität der noch kommenden Wetten bedeutet.
Während sich die Wagnisse in immer schwindelerregendere Höhen schrauben, funkt Sophie und Julien die Liebe dazwischen, mit der sie beide nicht umzugehen wissen. Selbst das Schutzschild der Wetten stellt sich schnell als nutzlos und gräbenvertiefend heraus. Die Probleme des Erwachsenwerdens scheinen winzig, im Gegensatz zu den Problemen des Erwachsenseins. Hier nimmt Yann Samuel Tempo aus “Liebe mich, wenn du dich traust” und lenkt die Handlung in konventionellere Bahnen, gleichbedeutend mit der Vergeudung von Lebenszeit, die Sophie und Julien mit der Aufnahme des Erwachsenen- und Familienlebens begehen.
Die deprimierende Visualisierung eines Durchschnittlebens in Zahlen melancholisiert die endlosen Wiederholungen und Schleifen des geregelten Daseins. Im Zentrum steht eine Überblendung des Friedhofs mit dem Grab der Mutter zur Großbaustelle, die Julien als Architekt betreut: Schmucklose Gräber und mit Beton zu füllende, abgeriegelte Planquadrate gehen Hand in Hand, verschmelzen für Sekunden. Wie gewöhnlich der Tod geworden ist, wie sehr Juliens öder Job dem Totsein gleicht. (Zugleich ein Schlüsselmoment, der mit der ersten Szene des Films und dem Schluss die Koordinaten bestimmt, wie “Liebe mich, wenn du dich traust” gelesen werden kann.)
Der französische Originaltitel “Jeux d’enfants”, also “Kinderspiele”, mag besser auf die makabere Komödie vorbereiten, die Regisseur Samuel spielen lässt, in ihr findet sich altersunabhängig ein Weg, um der Welt entgegenzutreten und sich trotzig zu behaupten. “Liebe mich, wenn du dich traust” spricht von der anderen Seite der Spiele, von dem Moment der Überwindung, der mehr verlangt als das sture Einhalten einer Wette. Yann Samuel gelingt die Verschmelzung beider Geisteshaltungen, lässt dennoch eine tiefschwarze, aber wiederum sehr romantische Reprise der Kinderspiele zu.
Beide Hauptdarsteller (Guillaume Canet als Julien, Marion Cotillard als Sophie) sind perfekt besetzt, wobei ich mich besonders über das Wiedersehen mit Canet gefreut habe, der sich in “Barracuda” den mörderischen Avancen eines seltsamen Nachbarn erwehren musste. Auch in “Liebe mich, wenn du dich traust” nimmt er die Herausforderungen an – und hält Schritt.
Aufgrund der anpreisenden Zitate der sogenannten “Frauenzeitschriften” (Brigitte, Petra, Joy), die die Hülle der deutschen DVD von “Jeux d’enfants” schmücken, wird so mancher Liebhaber des verschrobenen Films einen Bogen um diese Veröffentlichung gemacht haben. So entging ihm einer der fantasievollsten und rasantesten Liebesfilme der letzten Jahrzehnte, gespickt mit waghalsigen und genickbrechenden Wetten, einer am Rad drehenden Optik und zitierbaren Sprüchen in Hülle und Fülle. Ein Vergnügen, ein seltsamer Quell an Lebensfreude, der seine Inspiration aus der Finsternis fischt.
Vielleicht haben im Gegenzug einige Brigitte-Abonnenten “Liebe mich, wenn du dich traust” gesehen und trauen dem Schlock nicht mehr, den ihnen die Kulturredakteurin unter der zu Tode geklöppelten Unkategorie “Liebe, Lust & Leidenschaft” unterjubeln will. Ein unterdrückter, kehliger Schrei, sich fahrig aus dem schweißnassen Kopfkissen wühlend. Schläfst du nicht gut, Herr Rosenkavalier? 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.05.2017)
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