Die Weibchen

Die Weibchen

(Regie: Zbyněk Brynych – Deutschland/Frankreich/Italien, 1970)

Nach einem Nervenzusammenbruch wird die etwas naive Eve (Uschi Glas) von ihrer Ärztin zur Behandlung in den renommierten Kurort Bad Marein geschickt. Dort soll sie unter Aufsicht der für ihre progressiven Methoden berühmten Ärztin Dr. Barbara (Gisela Fischer) wieder zu Kräften kommen. Recht schnell bemerkt Eve etwas Eigenartiges: In der ganzen Stadt ist weit und breit kein einziger Mann zu sehen und die übrigen Patienten in Dr. Barbaras Klinik schüchtern sie mit ihrem exaltierten, neurotischen Verhalten ein. Als zu einer nächtlichen Party drei auf der Durchreise hängengebliebene Schwerenöter in die Klinik kommen und Eve einen von ihnen mit Messer im Rücken in einem Schrank versteckt findet, kommt ihr ein unheimlicher Verdacht…

Der „Kannibalenfilm mit Uschi Glas“ (wie das Cover marktschreit) floppte zum Zeitpunkt seines Erscheinens so grandios, dass die Branchenzeitschriften keine ungefähren Zuschauerzahlen vorlegen konnten, weil die meisten Kinobetreiber „Die Weibchen“ nicht mal vom Titel her kannten. Die Filmkritik schätzte Regisseur Zbyněk Brynych größtenteils für seine in den 50er und 60er Jahren in der Tschechoslowakei gedrehten Werke, die formal wenig mit den drei Filmen („Oh Happy Day“ und „Engel, die ihre Flügel verbrennen“ lauten die Titel der zwei anderen), welche in kürzester Zeit im Jahre 1970 in die Kinos kamen, gemeinsam hatten. Ein voller Reinfall bei Publikum und Kritik, gut 45 Jahre später überrascht dies.
Die zeitgeistige Verquickung von Themen der Frauenbefreiung mit Elementen des Horror- und Exploitationfilms in bunter und schmissiger Soundkulisse, hätte aus heutiger Sicht einen Nerv treffen können, vielleicht sogar müssen, dies hieße aber, den banalen Geschmack des BRD-Kinopublikums zu unterschätzen.
Über weite Strecken bestimmt die experimentelle Kameraarbeit Charly Steinbergers („Deep End“) die deutsch-französisch-italienische Ko-Produktion. Ausgang vieler Fahrten und Einstellungen ist die Unendlichkeit des Kreises: Zu Beginn in den Fischaugenkrümmungen, die man zuletzt, so häufig und auffällig in Szene gesetzt, vielleicht in Hype Williams Musikvideoclips gesehen hat, über die Laufzeit verteilt in vielen Sequenzen, welche die Kamera kreisend, kreisender und kreiselndst auflöst. Ständig in Bewegung, zoomt Steinberger aufreizend, lässt das Bild kippen, verzerrt die Sets zu einem Pseudo-3D-Effekt, der sich auf die Zeit auswirkt: Ein Handschlag scheint eine Ewigkeit zu dauern. Kino im besten psychedelischen Sinne also, tatkräftig unterstützt durch die sorgfältige Farbgebung, die sowohl den Stil akzentuiert, als auch ganz klassisch Gefühle transportiert.
Die Handlung beruft sich auf Valerie Solanas „SCUM Manifesto“, etwas plump (aber wirksam) in den Aufnahmen einer Gottesanbeterin zusammengefasst, die ihr Männchen noch während der Begattung auffrisst. Die Szene will sich nicht nahtlos einfügen, widerspricht der Naturalismus der tödlichen Insektenbalz doch dem Delirium, das Steinberger sonst festhält, bringt die Gewalt aber graphischer auf den Punkt, als dies vorhergehende Szenen können oder wollen. Erst im Finale spritzt das Blut und die Kreissäge trennt den nutzlosen Körper des Beaus Johnny im Schritt auf.
Männerfiguren sind selten, Männerfiguren sterben, es sei denn, sie haben sich impotent gesoffen wie der ermittelungsmüde Kommissar oder existieren als nützliches Haustier. Der Gärtner hilft nicht nur beim Verbuddeln der Leichen, er trägt auch die optischen Male eines Maulwurfs: Dunkle Sonnenbrille, Schaufelklauen. Der Rest besteht aus durchreisenden Männerkarikaturen, die den Pantoffelhelden neben den goldkettchentragenden Macho stellen. Schaut man sich um, scheint das Selbstverständnis vieler Herren der Schöpfung recht gut getroffen.
Für die Musik zeichnet Peter Thomas, Komponist des „Raumpatrouille Orion“-Themas, verantwortlich und sorgt mit seinem loungigen und mild psychedelischem Trompetenfun(k) für ein weiteres Highlight zu Charly Steinbergers Bildern. Weil der Verleih ein Desaster an den Kinokassen fürchtete, schnitt man „Die Weibchen“ um und kürzte den Film um etwa 15 Minuten – verdoppelte aber den Einsatz der Filmmusik. Dies kommt Brynychs Film sehr zugute und gipfelt im „Lied von der Säge“, einem Beat-Schlager der sehr makaberen Sorte und dem Humorhöhepunkt dieser ungewöhnlichen Produktion. (Wenn man den verhaltenen und sehr beigen Film aus Deutschland gewohnt ist, eine hüftsteife Kopfgeburt des Grauens, erstaunt einen die wilde und bunte Leichtigkeit von „Die Weibchen“.)
Der „Kannibalenfilm mit Uschi Glas“ wäre ein besserer Kannibalenfilm ohne Uschi Glas, denn ihrer Schauspielerei sind enge Grenzen gesetzt, die vor allem neben Kolleginnen wie Judy Winter oder Irina Demick deutlich werden. Sie muss sich auf ihre jugendliche Frische und die puppengesichtige Schönheit ihres Antlitzes und ihrer großen, staunenden Augen verlassen. Uschi Glas würde niemals ein Messer zwischen die Rippen ihres Mannes stechen. Sie bringt die Kinder zu, das Frühstück ans und bedient im Bett. Der vollkommen unterdrückte Typus Frau, den Valerie Solanas backpfeifenverteilend eigentlich aufrütteln wollte.
So ist Zbyněk Brynychs „Die Weibchen“ kein Agit-Prop, kein Krimi, kein Horrorfilm und erst recht keine Erotikkomödie, sondern ein Schaulaufen von Steinbergers berauschenden Bildern und Thomas schmetternder Musik in den Grenzen von 1970. Den internationalen, versteht sich. 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.09.2017)
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