A Fantastic Fear of Everything

A Fantastic Fear of Everything

(Regie: Crispian Mills – Großbritannien, 2012)

Eingeschlossen irgendwo hoch oben über der Themse in seinem knarzenden Altbauappartement wohnt und arbeitet der scheue Kriminalliterat Jack, studiert die Lebensläufe berühmter Londoner Mörder (an denen nie Mangel herrschte), und fürchtet sich dabei zu Tode vor allem und jedem, am meisten aber vor einem, der ihn womöglich ermorden wollen könnte. Als er sich mal zum Wäschewaschen vor die Tür wagt, lernt er zwar ein Mädchen kennen, aber prompt drohen auch seine schlimmsten Albträume wahr zu werden.

Als würde er seinen Fans versichern wollen, hier handele es sich tatsächlich um einen Film von ihm, spielt Crispian Mills in den ersten Realszenen seines Debüts “A Fantastic Fear of Everything”, welches mit einer viktorianisch-märchenhaften Animationssequenz beginnt, den Track “I See You” der Pretty Things aus deren Psych-Phase ein, dessen Sound einen hörbaren Einfluss auf Kula Shaker hatte. Richtig, Kula Shaker, eine der Größen des Britpop, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs mit Oasis gleichzogen, aber einen weitaus differenzierteren musikalischen Stil pflegen – und bis heute Crispian Mills eigentliche Lebensaufgabe verkörpern.
Im Laufe der Jahre verminderten sich die Gitarrenwände und fragile Folkstrukturen kamen zum Vorschein, nie verblasste hingegen der Einfluss indischer Ragas und psychedelischer Ideen in Crispian Mills Musik, die tief im britischen Pop der 1960er wurzelt.
Wenn der Sohn einer bekannten Schauspielerin plötzlich Interesse am Schreiben von Filmscripts bekundet, sollte man also davon ausgehen, hier keine gewöhnliche Geschichte vorgesetzt zu bekommen, die ein Rockstar während einer musikalischen Schreibblockade ausbaldowert hat. Auch wenn dieses Thema ein wenig in Mills erstem Film anklingt, handelt “A Fantastic Fear of Everything” doch vor allem von den Altlasten der Kindheit, die das (Nicht-)Tun und (Nicht-)Handeln in der Gegenwart bestimmen. Von Ängsten, die bisher durch kontinuierliche Arbeit verdrängt wurden. Im Falle von Protagonist Jack (in einer immer ein wenig exaltierten und sehr britischen Darstellung von Simon Pegg) mit dem Schreiben von Kinderbüchern, die die Erinnerungen an sein Kindheitstrauma bannten, bis er diese für ein ambitionierteres Projekt zurückstellt: Er möchte einen Bestseller über Serienmörder in Großbritannien verfassen. Innerhalb kürzester Zeit brechen alte Wunden wieder auf und Jack verbringt die Tage eingeschlossen in seiner geräumigen, aber verwahrlosten Wohnung, um unsichtbaren Feinden und Dämonen nachzujagen. Ein Paranoiker wie er im (selbstverfassten) Buche steht, wortwörtlich verängstigt von seinem eigenen Schatten.
Zusammen mit Co-Regisseur Chris Hopewell, der zuvor Werbefilme und Musikvideos (u.a. für Radiohead) drehte, achtet Mills präzise auf den Ton seines Films: Hier soll keine bedrückende Studie über einen Briten, der dem Wahnsinn verfällt, entstehen, sondern eine Sammlung unterhaltsamer Marotten, die ihre düsteren Untertöne nicht an oberflächliche Gags verschwendet. “A Fear of Everything” vermeidet zu intellektuelles Fahrwasser, bedient sich aber gerne popkultureller und filmhistorischer Querverweise. Die Diskussion über die Genre-Zugehörigkeit des lästigen Hits “The Final Countdown” von Europe z.B., zu dem ein verhinderter Serienkiller seinen Einmarsch in den Keller eines Waschsalons inszeniert. Dieser beharrt darauf, der Track sei “classic rock”, während Jack vehement die Ansicht verteidigt, es handele sich hierbei eindeutig um “80s hair metal”. (Zuvor rüstete sich Jack schon mit einem Rap-Mixtape namens “Uzilicious” für den Weg zum Waschsalon, Ort seines Kindheitstraumas, den er breitbeinig zu “The Wrong Nigga To Fuck Wit” von Ice Cube beschreitet, bis ihn ein Zusammenstoß mit dem Weihnachtsmann aus dem Takt bringt.) Mills setzt weniger auf Punchlines und Gags als skurrile Situationen, die sich aus den Spleens der Figuren ergeben.
Mitunter fließt diese Exzentrik auch in die visuelle Gestaltung von “Die fürchterliche Furcht vor dem Fürchterlichen” (deutscher Verleihtitel, fragt lieber nicht) ein, der im Grunde einen sehr märchenhaften Eindruck hinterlässt, obwohl mir der Ausdruck “children’s story” passender als das Wort “fairytale” erscheint. Einige Bilder sind eigen und farblich treffend komponiert, auffällige Spitzen in einer auch ansonsten liebevoll umgesetzten Gestaltung, die im Finale mit einer Stop-Motion-Animation glänzt, welche nicht nur Jacks Kinderbücher detailreich in Szene setzt, sondern auch das Gefühl vergangener Fernsehsonntagnachmittage der Kindheit auferstehen lässt.
Neben Seitenhieben auf die Polizei und die fadenscheinige Welt der Kulturindustrie, frotzelt Crispian Mills ein wenig über die Auflösung von Hitchcocks “Psycho” und gesellt sich zu den Künstlern, die Waschmaschinen eine tiefere, mysteriöse Bedeutung zugestehen, freilich nochmal auf einem ganz anderen Level als “Uzumaki” oder “Das brandneue Testament”.
Zuletzt findet sich auch der langjährige Kula-Shaker-Fan in “A Fantastic Fear of Everything” wieder, in der Verbindung des Großflächigen, Plakativen und sofort Zugänglichen mit den kontemplativen Elementen fernöstlicher Mystik, sowie den spinnerten Einfällen aus Volkstümlichem, aus dem Kleinmädchentraum, geträumt im Garten eines englischen Anwesens des viktorianischen Zeitalters an einem heißen Sommertag. Wer aufmerksam lauscht, vernimmt vielleicht sogar das Lachen von Grimble Crumble. Very whimsical, jolly good. 7,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 21.04.2017)
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Punk Love

Punk Love

(Regie: Nick Lyon – Italien/USA, 2006)

Sarah ist eine 15-jährige Teenagerin, die unter dem Missbrauch ihres Vaters leidet. Spike ist ein 21-jähriger junger Mann, der seine Hoffnung, als Musiker berühmt zu werden, fast aufgegeben hat. Beide halten sich mit kleineren Gaunereien gerade eben so über Wasser. Aber beide haben auch ihre hingebungsvolle und bedingungslose Liebe für einander – und diese lässt sie die größten Probleme wie ihre Drogensucht wenigstens zeitweise vergessen. Als Spike mit seiner Band erste Erfolge feiert, können die beiden zunächst auf eine bessere Zukunft hoffen. Wird ihre Liebe stärker sein als die Steine die ihnen überall in den Weg gelegt werden?

Nick Lyon fingiert ein vermeintlich realistisches Indie-Drama, indem er mit einem niedrigen Budget von knapp zwei Millionen Dollars und unter exzessivem Einsatz des Blaufilters oft kolportierte Schauergeschichten von sozialem Abstieg (bedingt durch Drogen und Ungehorsam gegenüber Familie und Gesellschaft) in Filmschablonen gießt, die seit “Christiane F.” auch gerne von Erdkunde- und Sportlehrern während einer Freistunde an der städtischen Realschule gezeigt werden.
Hier kann man etwas lernen, hier gibt es eine erbauliche Message, gut getarnt hinter düsteren Bildern von Sex, Gewalt und Sucht, die Jugendliche begeistern sollen, nein, die Jugendliche leimen sollen dem biederen Stumpfsinn in die Falle zu gehen, der sich aus “Punk Love” ableiten lässt: Der warme Schoß einer gewöhnlichen Existenz, die Gemütlichkeit der Mehrheitsgesellschaft, die nette Schlammpackung des bürgerlichen Sumpfes.
Ist man erst mal mit diesem Anspruch angetreten, müssen natürlich auch die Motive drastisch genug sein, um verständlich darzulegen, wie sich zwei nette Teenager in den Fängen von Drogen und Sub- oder Gegenkulturen verlieren konnten – freiwillig macht sowas schließlich keiner. Nein, der Wunsch in einer Punkrockband Bass zu spielen oder einfach mal ein Blech zu rauchen, entsteht ausschließlich durch kaputte Familienverhältnisse: Sexueller oder seelischer Missbrauch. Begangen vom eigenen Vater. Mütter, die nichts davon wussten. Sonst hätten sie ihren Kindern zur Seite gestanden. Es ist zum Speien.
Das Perverse daran ist die hinterhältige Inszenierung des Regisseurs und Drehbuchautors Nick Lyon, die schon im Vorspann vorgibt eine bedingungslose Liebe zwischen jungen Menschen zu zeigen, ja, diese Liebe sogar würdevoll zu feiern. Leider sind die poetischen (Sprach-)Bilder ein wenig zu abgeschmackt, um wirklich begeistern zu können und kurz darauf offenbart sich auch, warum dies so ist: Nick Lyon belügt sein Publikum. Er borgt sich die Ästhetik eines alternativen Lebenswandels, um für den Mittelweg der breiten Masse zu werben. Nick Lyon ist ein Faker, ein Blender, ein Poseur und noch viel schlimmer: Ein Verräter.
Jede Abweichung von der Norm wird in “Punk Love” heftigst bestraft, so dass die beiden Protagonisten nach kurzer Zeit in einer verfahrenen Lebenssituation stecken, die Bonnie und Clyde und Romeo und Julia alle Ehre machen würde. Der Ausweg kann nur der Tod sein, weil Lyon das jugendliche Paar für seinen Lebenswandel (Harte Drogen, freier Sex, Verachtung der Autoritäten) bestrafen muss und obendrein für ihn noch ein tragisches, romantisches Ende dabei abfällt.
Abfall wäre auch genau das richtige Wort, um “Punk Love” auf den Punkt zu bringen, wäre da nicht der melancholische Soundtrack, leicht hingekratzt von Violinen und Celli, welcher einige Szenen in würdevoller Schönheit schweben lässt, wenn Lyon sein durchaus vorhandenes inszenatorisches Geschick nicht wieder in künstlichem Regen, stereotypen Großstadt-bei-Nacht-Aufnahmen (Portland, Oregon, that is) und dem anfangs schon erwähnten Blaufilter ertränkt. Im Schneideraum gibt er sich experimentierfreudig, brilliert aber eher darin Indie- und Musikvideoklischees aufzuwärmen. Dies sorgt auch für den Würgereiz: In seinen Bilderwelten spricht Lyons Film von anderen Dingen als auf der erzählerischen Ebene. Ein schizophrener Versuch, der durchaus zu gefallen weiß, wenn man die kräftige reaktionäre Strömung im Hintergrund ausblenden kann. Leider ist dies nur minutenweise möglich, bevor Lyon seinem Publikum brutal ins Gedächtnis zurückruft, wer in dieser Gesellschaft die Ansagen macht und wer ihnen zu gehorchen hat.
Dieses Trauerspiel setzt sich selbst im internationalen Verleih des Films fort: “Punk Love” (Originaltitel) erschien zunächst unter dem romantisch-verklärenden Verleihtitel “Fallen Angels – Jeder braucht einen Engel”, der auf die Eingangs- und Schlusssequenz des Films Bezug nimmt, bevor man ihn bei erneuter Veröffentlichung auf Blu-ray lapidar “Junkies” nannte – selbst hier spürt man den mitleidslosen Tonfall der Feierabendbiertrinker, der sich so hinterfotzig durch den gesamten Film zieht. 4,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.04.2017)
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Baskin

Baskin

(Regie: Can Evrenol – Türkei, 2015)

Unterwegs auf einer routinemäßigen Nachtstreife wird eine Polizeieinheit als Verstärkung zu einem verlassenen Haus gerufen, über das so einige beunruhigende Geschichten kursieren. Auf dem Weg dorthin provoziert eine merkwürdige Kreatur einen Unfall, der die Gruppe zwingt, ihr Ziel zu Fuß zu erreichen – wo sie nur noch auf einen leeren Polizeiwagen trifft. Von den Kollegen fehlt jede Spur. Auf der Suche nach ihnen arbeiten sich die Männer immer tiefer in das Gebäude vor und finden sich plötzlich als ahnungslose Ehrengäste inmitten einer schwarzen Messe wieder: In einer Welt der Finsternis und unvorstellbaren Qualen, aus der es kein Entkommen gibt. In dieser Hölle auf Erden wünschen sie sich bald nur noch den Tod, aber auch der bringt nicht immer die erhoffte Erlösung…

Wenn die Jungs der Kriminalpolizei Istanbul unterwegs sind, zerschneiden die orange-glühenden Scheinwerfer des Streifenwagens die Nacht und legen, zusammen mit den im Takt der Sirene an die Häuserwände geworfenen Blau- und Rotlichtern, den Grundstock der Farbpalette fest, in die “Baskin” getaucht wird, solange die zähe Finsternis der Unterwelt noch durchdringbar ist. Die herzlichen Gesetzesmänner mit den rüden Umgangsformen schlagen die Wartezeit ihres Bereitschaftsdienstes in einem kleinen Lokal tot, wo sie die Grillspeisen des Hauses mit unanständigen Geschichten und Machismo-Prahlereien nachwürzen, die manchmal seltsame Haken schlagen und vor allem dazu dienen, die unterschiedlichen Gemütsverfassungen der Polizisten aufzuschlüsseln: Großmaul und Heißsporn, Zögerer und Zauderer, Vaterfigur und Meister gruppieren sich um den Rookie, der hier Arda heißt und sich seine ersten Sporen verdienen muss.
In der abendfüllenden Spielfilmfassung seines gleichnamigen Kurzfilms “Baskin” aus dem Jahr 2013, zu der Regisseur Can Evrenol von einem enthusiastischen Eli Roth während einer Vorführung im Sitges quasi genötigt wurde, bricht das Bebilderte immer wieder aus dem Rahmen aus, setzt zu bizarren Sprüngen an und offenbart sich erst in der letzten Szene einer größeren, erzählerischen Klammer, die den Bildersturm zusammenhält. Vorher gibt Evrenol die Phantasmagorien, welche den Schrecken der Kindheit mit der Furcht vor dem Sterben und die Faszination der Alpträume mit dem Wunsch nach einem Leben nach dem Tod kurzschließen, keinen Millimeter an das (wunderbar minimale) Narrativ preis: Er schwelgt in Atmosphäre und Gefühlen; sein Kino ist ein Kino des Unterbewussten, der Farben und Symbole, des Okkulten und des Blutes. Sein Kino ist das Horrorkino der späten 70er und frühen 80er Jahre, vornehmlich italienischer Bauart. Wenn Evrenol in Interviews auch auf amerikanische Vorbilder wie John Carpenter verweist, fabuliert “Baskin” selbst von den assoziativ-surrealen Blutgranaten eines Lucio Fulci – oder stellt direkt die Verbindung zu Ruggero Deodatos “Cannibal Holocaust” her, mit ein paar geschickt eingeschobenen Takten des Scores von Riz Ortolani, welcher der grausamen Blendung von Cop Yavuz noch ein paar unangenehme Flashbacks aus dem Brutalitätendschungel hinzufügt.
Die Farbdramaturgie erinnert natürlich an Dario Argento, wenn auch roher und weniger ausgefeilt, der Kult um Baba und seine “Wilden” sind den Höllen- und Fiebervisionen Ken Russells nachempfunden, gesehen durch die Augen von Rob Zombie. Und wie diese drei Genregrößen inszeniert Can Evrenol nicht die Geschichte, sondern das Gefühl, das in den Bildern der Geschichte steckt: Zwei Jungs, die sich nachts in einer dunklen Gasse Gespenstergeschichten erzählen, kindliche Alpträume, die stets das Weglaufenmüssen-aber-nicht-Weglaufenkönnen beinhalten, die latente Sorge um das eigene Seelenheil, die Angst verrückt zu werden und ganz konkret die Vermeidung von Schmerz.
In Anbetracht der aktuellen politischen Lage der Türkei mag das okkulte Tamtam, das einen Höhepunkt in der Vereinigung mit dem hermaphroditischen Ziegenkopfträger Baphomet findet, wie eine groteske Reflexion der geschmacklosen Witzchen wirken, die sich die Turk-Völker durch ihre Nachbarn im Okzident gefallen lassen müssen, viel lauter sprechen hingegen die Taten der konservativen Bevölkerung, die sich durchaus unangenehm berührt und sprachlos zeigte, wenn Can Evrenol seine “Wilden” nackt und blutverschmiert in Linienbussen zum “Abschminken” in öffentliche Bäder fuhr, das Team aber friedlich gewähren ließ. Die Zivilgesellschaft der Türkei scheint toleranter, als so mancher Demokrat es ihr zugestehen möchte.
“Baskin” unterscheidet sich noch in einem weiteren Detail von den Horrorfilmen, die mittlerweile dutzendweise auf den Markt drängen: Er nimmt das Innenleben seiner Figuren nicht nur ernst, er setzt das innere Erleben über Logik und Handlung, traut sich dabei Szenen abzubrechen und umzuwerfen, um sie dem Gefühl zu öffnen und dem Zuschauer unmittelbar erfahrbar zu machen. Das formt “Baskin” zu einem unheimlichen Film, der trotz seiner Pulp-Elemente furchteinflößend wirkt und das Publikum mit seinen knochigen Spinnenfingern zurück in den Sitz zieht, wenn dieses meint, es hätte einen rationalen Weg gefunden sich dem Spuk auf der Leinwand zu entziehen: Das türkische Wort “Baskin” lässt sich mit “Überfall” ins Deutsche übertragen.
Könnte “Baskin” der Startschuss zu einer türkischen Horrorfilmwelle sein, welche die Tugenden der 1970er und 1980er ins 21. Jahrhundert überführt? Can Evrenol arbeitet altmodisch, investiert Unmengen an Zeit und Ideen in Storyboards, Ausstattung, Setdesign und Beleuchtung. Auch die Special FX folgen den Latexvorbildern der alten Meister, das alles bei einem niedrigen Budget, welches nicht mal die Millionengrenze streift. Diese gewissenhafte Arbeitsweise reduziert den Aufwand während der Post-Produktion nicht nur auf ein Minimum, sie sorgt auch dafür, “Baskin” aus einem Guss wirken zu lassen. Und der Soundtrack, als sinistrer Spross von John Carpenter und Goblin zur Welt gekommen, nährt die weitere Hoffnung, die Türkei möge das neue Italien sein. Oder zumindest Can Evrenol der neue Botschafter des Horrorfilms. 8,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 24.03.2017)
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Black Moon

Black Moon

(Regie: Louis Malle – Deutschland/Frankreich/Italien, 1975)

Die Jugendliche Lily (Cathryn Harrison) flüchtet vor einem grausamen Bürgerkrieg zwischen Männern und Frauen in ein abgelegenes Haus auf dem Land. In dem alten Haus trifft sie auf dessen äußerst seltsame Bewohner. Ein Schwein sitzt auf einem Stuhl am Küchentisch, eine Katze spielt im Wohnzimmer Klavier und eine alte Frau (Therese Giehse) liegt in ihrem Bett und unterhält sich in einer unbekannten Sprache mit einer Ratte und ihrem Radio. Im Garten des Landhauses begegnet Lily schließlich einem jungen Mann (Joe Dallesandro) und seiner Schwester (Alexandra Stewart), einer nackten Schar von Kindern, die mit einem riesigen Schwein spielt und einem Einhorn, das dort grast. Überaus irritiert von der skurrilen Situation, gewöhnt sich Lily langsam an die merkwürdigen Gestalten im Haus und im Garten, doch es warten noch weitere mysteriöse Begegnungen auf sie…

Das Autoradio berichtet von den Verbrechen der Großstadt, aber auch die bäuerlich geprägten Landschaften der Provinz werden schon von der Gewalt heimgesucht. Das erste Opfer in Regisseur Louis Malles untypischer Zukunftsmär ist ein Dachs, der unter die Räder der Protagonistin Lily gerät, die in einem kleinen, orangenen Auto durch das südwestliche Frankreich flieht. Die verwunschen wirkende Natur entblättert vulgäres Kriegsgerät: Panzer, Bomben, Maschinengewehre. Auf den ersten oberflächlichen Blick widmen sich die Menschen ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Blutvergießen. Die Lämmer rotten sich zusammen, ein Hirte erhängt sich. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass Lily kostümiert ist. Sie trägt Mantel und Hut, um männlich(er) zu wirken. Nahe der nächsten Straßensperre richtet ein Trupp Soldaten Frauen in Kampfmontur mit Maschinengewehren hin. Lily wird enttarnt, entkommt aber der potentiell tödlichen Situation und beginnt eher unfreiwillig einen Off-Road-Trip durch die Fluren und Wälder Frankreichs.
Es wird nicht klar, ob dies schon den Auftakt zum letzten Gefecht bedeutet, aber Männer und Frauen befinden sich im Krieg. Hier wird nicht mehr halb-ironisch diskutiert, wer nun von der Venus und wer vom Mars stammt, der Kriegsgott hat das letzte Wort und es lautet Dauerfeuer.
Die hässliche Situation irritiert, denn Frauen in Uniform, noch dazu langhaarig, die männliche Gefangene misshandeln und töten, finden sich sogar im Kino eher selten. Louis Malle verändert nur ein Attribut und schaltet damit die Zeichen auf surreal. Man hat schon von den Amazonen gehört, die Abenteuer von Wonder Woman und Catwoman erlitten, aber “echte” Frauen in einer “richtigen” Kriegssituation gehören nicht zur normierten Vorstellungswelt. Hier sind eigentlich zur Passivität verdammte Opfer plötzlich Täter und Aggressoren.
Lilys Flucht endet vor den Toren eines bürgerlichen Landhauses, ein Imitat ländlicher Heimeligkeit, gesehen durch die Augen eines gutbetuchten Stadtbewohners. Um das eigentliche Anwesen rankt sich ein recht großer und künstlich-verwilderter Garten, der die Märchenatmosphäre verstärkt. Das Haus gehörte Louis Malle, er drehte “Black Moon” nach einem langen Indien-Aufenthalt aus Heimatverbundenheit und Bequemlichkeit an diesem Ort, wohl auch, weil er hoffte, bisher unbekannte Seiten seines Selbsts erkunden zu können.
Die Farbpalette passt sich der äußeren Umgebung an und Malle wählt warme, erdverbundene Naturtöne, manchmal akzentuiert durch ein kräftiges Burgunderrot oder ein dunkles, aber saftiges Grün. Die Inneneinrichtung spiegelt dies wider und nimmt auch die gewollte und gestaltete Unordnung des Märchengartens auf. Alles soll ursprünglich wirken, trägt aber einen übernatürlichen Schimmer von Technologie und Stadt in sich.
Und so fühlt sich Lily bald, als wäre sie wie Alice durch das Kaninchenloch gefallen, während sie das Anwesen erkundet: Eine ältere Dame (gespielt von Brecht-Schauspielerin Therese Giehse, die kurz nach den Dreharbeiten verstarb), bettlägerig und amateurfunkend, pflegt Freundschaft und Konversation mit einer Ratte, nackte Kinder tollen im Schlepptau von Schweinen und Schafen durch die Gegend, Bruder und Schwester Lily (Charakteranteile, Inzest, Adam und Eva – dem Zuschauer steht so gut wie jede Theorie offen) führen den Geschlechterkampf auf einer subtileren Ebene fort, während ein pummeliges, schwarzes Einhorn klugscheißt. Das klingt nicht nur ein wenig willkürlich und zerfasert, viele der Szenen stehen eher unverbunden nebeneinander und werden vor allem durch die Dornröschenqualität der Märchenoptik zusammengehalten, für die Sven Nykvist verantwortlich zeichnet, Lieblingskameramann und -kollege Ingmar Bergmans.
Louis Malle überließ den Film schließlich der Interpretation seines Publikums, ein wenig enttäuscht darüber, in sich selbst keinen heißspornigen Wahnsinnigen mit Visionen gefunden zu haben, sondern einen Jungen mit romantischer Vorliebe für das ländliche Frankreich. Es wirkt, als wüssten die Beteiligten nicht richtig, was “Black Moon” ihnen bedeuten solle. Ein esoterischer Film, dessen Feeling weit über seinen Assoziationen, Parabeln oder gar der Hintergrundgeschichte steht, über seine Optik funktioniert und einen stimmigen Bilderreigen ergibt, dessen spärliche Dialoge zwar zur surrealen Atmosphäre beitragen, aber nicht vonnöten gewesen wären.
Vielleicht konnte Lily der Exekution zu Beginn des Films nicht entkommen und ihre aus dem Leben gerissene, aber der Krücke des Körpers entbundene Seele verkrampft sich in irdischen Kategorien, die jederzeit so sinnlos oder sinnstiftend sind, wie man es ihnen aus dem Moment heraus zugestehen möchte. Ein ruheloser Geist, ein Gespenst an den Toren des Jenseits, unfähig eine Aussage über die eigene Wahrnehmung zu treffen. Die verfahrene Situation lässt selbst die Gänseblümchen zum Himmel schreien. 8/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 14.03.2017)
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Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood

Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood

(Regie: Hideshi Hino – Japan, 1985)

Ein Mann in einem Samurai-Kostüm entführt nachts eine Frau und bringt sie zu einem abgelegenen Keller, Ort einer bizarren Sammlung. Dort fesselt er sie an ein Bett, setzt sie unter Drogen und beginnt sie – Körperteil um Körperteil – zu zerstückeln.

Unter den ca. 6000 Videobändern, die bei der Festnahme des Serienmörders Tsutomu Miyazaki von der japanischen Polizei sichergestellt wurden, befand sich auch “Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood”, eine inhaltlich lose Fortsetzung des Splatterfilms “Guinea Pig: The Devil’s Experiment”, welcher wiederum mit der verbotenen Authentizität des Snuff-Films flirtete. Weil Tsutomu eines seiner Opfer auf ähnliche Weise tötete, wie der Protagonist in “Guinea Pig 2”, festigte sich der üble Leumund der Serie, welcher zuvor schon, durch ein Aufeinandertreffen mit der japanischen Justiz, die Öffentlichkeit erregte. Dem Vorbild des Prozesses gegen Ruggero Deodato und “Cannibal Holocaust” im Italien der frühen 1980er folgend, musste der Regisseur des ersten “Guinea Pig”-Teils vor Gericht nachweisen, dass niemand beim Dreh zu Schaden kam und sich alle Beteiligten – körperlich unversehrt – ihres Lebens erfreuten. Dazu fertigte man ein Video an, das die Spezialeffekte vorführte und ihre Funktionsweise erklärte. Teile dieses Tapes verwertete man später auch kommerziell als “Making of”-Bonusmaterial.
“Video” scheint in diesem Zusammenhang ein wichtiger Begriff zu sein, lässt sich die Rezeption der “Guinea Pig”-Filme doch alleine mit der Verbreitung der VHS-Rekorder erklären bzw. der Art, in welcher sich tabubrechende Horrorfilme unter dem Radar des Mainstreamkinos und -fernsehens weltweit über kopierte VHS-Kassetten verbreiteten.
Gut dreißig Jahre nach dem ersten Erscheinen stellt “The Devil’s Experiment” für medienerfahrene Jugendliche keine Herausforderung mehr dar: Selbst in (für seine Gewaltzensur besonders berüchtigt!) Deutschland kann man die “Guinea Pig”-Reihe als DVD- und Blu-ray-Release erwerben, remastert und mit Bonusmaterial (Teile der Reihe wurden beschlagnahmt, andere harren noch ihrer Aburteilung durch ein Gericht auf Liste B der BpjM).
Wie anders sahen die Reaktionen auf diesen Film wohl aus, wenn man Ende der 80er/Anfang der 90er die x-te Generation einer kopierten Videokassette im Freundeskreis (vielleicht auch über Brieffreundschaften im benachbarten Ausland) getauscht hatte.
“The Devil’s Experiment” behauptet zu Beginn ein wirkliches Snuff-Tape zu sein, ein Experiment “in Schmerzen”, gedreht zu pseudowissenschaftlichen Zwecken, aus den Archiven der Polizei. Ein frühes Beispiel des Found-Footage-Genres.
Manch einer mag die folgenden Folterszenen an einer jungen Frau für bare Münze genommen haben, der Authentizitätsfaktor einer von Hand beschrifteten und verrauschten VHS schlägt eine DVD-Veröffentlichung, im Kontext des Wissens um die ganze Filmreihe, um Längen. Und doch gibt es auch in “The Devil’s Experiment” auffällige Hinweise zur “Fakeness” des Geschehens: Die Beleuchtung ist professionell, die Farbgebung wirkt künstlich, um nicht zu sagen künstlerisch, und die vielen Wechsel der Kameraeinstellungen, sowie das häufige Verwenden extremer Nahaufnahmen sind ein sicheres Zeichen für das fiktionale Produkt von (splatter)filmaffinen Menschen.
“Flowers of Flesh and Blood” verzichtet auf das direkte Spiel mit dem Snuff-Feuer (vielleicht aufgrund der unschönen Begegnung mit der japanischen Gerichtsbarkeit), kann sich aber einen Bezug zur vermeintlichen Realität der Zuschauer nicht verkneifen, und behauptet, das vorliegende Video sei ein Reenactment eines 8mm-Amateurfilms, der Regisseur und Manga-Autor Hideshi Hino, zusammen mit dutzenden Fotografien und einem Brief, von einem Fan zugesandt wurde. Im Grunde auch nur eine verschärfte Version der “Based on true events”-Floskel, die den modernen Horrorfilm so gerne heimsucht, jedoch auch Nährboden für manchmal etwas plump anmutende künstlerische Ornamente, die sich abgeschmackter Bilder der Poesie bedienen, vielleicht, um die Splatter- und Gore-Effekte kitschig zu überhöhen, die hier zwar heftiger und blutiger als noch im ersten Teil ausfallen, aber schneller als Special FX auszumachen sind. Daher weiß ich auch nicht, ob ich der oft verbreiteten Geschichte trauen soll, Charlie Sheen habe nach einer privaten Videovorführung von “Flowers of Flesh and Blood” das FBI eingeschaltet, in der Annahme, er habe soeben einen echten Snuff-Film gesehen. Einem Menschen mitten aus dem Filmgeschäft muss die offensichtliche Inszenierung doch sofort ins Auge springen. Die wahrscheinlichere Variante wäre einfach ein guter Werbegag, um die Filmreihe auch in den USA und Europa bekannt zu machen, oder eine Verwechslung der Titel: “The Devil’s Experiment” könnte man eine solche Schockreaktion viel eher zutrauen.
Persönlich halte ich “Flowers of Flesh and Blood” für den gelungeneren Teil der Reihe, zum einen wegen meines Wissens um die Umstände der Entstehung von “The Devil’s Experiment”, zum anderen weil der Fokus nicht mehr auf den Qualen eines wehrlosen Menschen liegt, die sich auf ein empathisches Publikum übertragen sollen, sondern auf dem Spaß an der filmischen Umsetzung von frühkindlicher Neugier und Zerstörungswut, die mittels Splattereffekten den Geheimnissen des menschlichen Körpers auf den Grund gehen, ganz so, wie man als Dreijähriger seine Puppen und Spielzeuge auseinanderpflückte.
Kann die Zerstückelung eines Menschen als Unterhaltung dienen? Nicht unbedingt für jeden: Hideshis Film, dem ein paar Jahre später der noch phantastischere, künstlerische und poetischere “Guinea Pig 4: Mermaid In A Manhole” des selben Regisseurs folgen sollte, ist eher als filmhistorisches Dokument interessant, weil er zu den Werken gehörte, welche die Amateursplatterszene beeinflussten, die in den 1990ern ihren Höhepunkt auf Video feierte.
Dem gewöhnlichen Kinopublikum muss man Groteskes dieser Art mit einem Krimiplot unterjubeln, der ebenfalls eine moralische Rechtfertigung enthält. Wer nun immer noch ein Urteil über “Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood” und ähnlichen “filmischen Schmutz” fällen möchte, sollte sich an den Kinobesuch erinnern, bei dem ihm dieses kleine Horrorjuwel “SAW” so gut gefiel – und dann betreten schweigen. 6,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 17.02.2017)
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A Boy And His Dog

A Boy And His Dog

(Regie: L.Q. Jones – USA, 1975)

Nachdem der 4. Weltkrieg einen Großteil der Welt zerstört hat, zieht der Junge Vic, täglich auf der Suche nach Nahrung, Unterkunft und Sex, mit seinem durch Mutation sprechenden Hund durch die Gegend. Als er eines Tages eine junge Frau namens Quilla June trifft, erzählt diese ihm von einer unterirdischen Stadt, in der die Welt von früher noch erhalten sein soll. Schließlich führt die Flucht vor einer Bande von Plünderern Vic und June in besagte Stadt. Doch dort ist alles anders als erwartet…

Als dann endlich die Zivilisation unterging, tat sie es fünf Tage lang im psychedelischen Leuchten der Nuklearwaffenarsenale; der letzte große Auftritt des naturwissenschaftlichen Genies der Menschheit, bevor alles unter Schlamm und Schlacke begraben wurde. Doch selbst der größte anzunehmende Unfall, den man im Falle eines Krieges besser die “größte anzunehmende Dummheit” nennen sollte, bewahrt die Menschen nicht vor den Kategorien Rasse, Klasse und Geschlecht, so dass in der postapokalyptischen Welt von “A Boy And His Dog” ein paar Bessergestellte in einer künstlichen, unterirdischen Welt hausen, die sie aus den Trümmern der alten Welt errichteten und in der ewigen, himmellosen Dunkelheit des Bunkers bewohnen, während marodierende Truppen des Prekariats und abenteuerliche Einzelgänger auf der verheerten Oberfläche des Planeten ihr Überleben unter der sengenden Hitze der Sonne, die das wüste Land verbrennt, organisieren.
Regisseur L.Q. Jones zweiter Film ist so offensichtlich ein Vorbild für die “Mad Max”-Reihe, dass sogar in “Fury Road” noch Ideen aufblitzen, die 1975 schon in Don Johnsons Leinwanddebüt auftauchten. Der auf dem Truck festgezurrte Gitarrenspieler? Ganz sicher ein Einfall von Jones, der auch das Drehbuch nach einer 1969 erschienenen Kurzgeschichte von Harlan Ellison anfertigte und zuvor in vielen Western schauspielerte. Am Bekanntesten dürften seine Auftritte in den Filmen von Sam Peckinpah sein – und wie in den Filmen Peckinpahs, kann man in “Der Junge und sein Hund” (deutscher Verleihtitel) Probleme mit dem Frauenbild haben, das gezeichnet wird, vielleicht sogar schon von Frauenfeindlichkeit sprechen, obwohl das Science-Fiction-Abenteuer deutlich humorvollere Töne anschlägt als die grimmigen Gewaltorgien von “Bloody Sam”.
Der junge Vic (gespielt von Don Johnson, bekannt aus “Miami Vice”), von seinem vierbeinigen Begleiter fast durchgehend Albert genannt, zieht mit seinem Hund Blood durch die Wüste. Beide scheint eine längere Freundschaft zu verbinden, die auf den Annehmlichkeiten einer Zweckgemeinschaft beruhen: Vic besorgt das Futter, Blood kümmert sich um die Miezen. Richtig, der abgebrühte Wüstenköter kann nicht nur (telepathisch?) mit Vic kommunizieren und enzyklopädisches Wissen über die letzten Tage der Erde vorweisen, er hat auch einen untrüglichen Riecher für die Anwesenheit von Frauen. Diese sind Mangelware in den Tagen der Endzeit, mit der Betonung auf Ware: “A Boy And His Dog” beginnt mit einer Vergewaltigung, die weggeworfene und aufgeschlitzte Frauenleiber zurücklässt. Vic bedauert unter diesen Umständen nur, dass er nicht auch zum Stich kam.
Die beschränkten Lebensaussichten in der verdorrten Ödnis federt L.Q. Jones durch beeindruckend schöne und durchdachte Aufnahmen der Wüste ab, in deren Abbildung sich ein Freiheitsgefühl findet, das den Menschen aufgrund ihrer Lebensart verlorengegangen ist. Während diese im Dreck wühlen und sich um Nahrung prügeln, trotzt die Natur den hässlichen Tatsachen des Atomkriegs und atmet eine majestätische Selbstverständlichkeit, die Jones durch ständige Perspektivwechsel in immer neuen Variationen zeigt. Später orientiert sich der Blick der Kamera an den labyrinthischen Gängen, Rohren und Maschinen, die die Reste der Vorkriegswelt knapp unter der Oberfläche hinterlassen haben, um schließlich eine surreale Welt des Spießertums vorzuführen, die einem amerikanischen Postkartenidyll gleicht, das in die Schwärze der ewigen Finsternis getaucht wurde. Das herrschende Zwielicht setzt entlarvende Schlaglichter auf den keimenden, eher sogar aufblühenden Faschismus aus den Schößen des Bürgertums, das hier eine oberflächlich zivilisierte, aber rücksichtslose und brutale Gesellschaft installiert hat, die Werten wie Gehorsam huldigt und den “Law & Order”-Gedanken auf die subtile Bösartigkeit aus George Orwells “1984” reduziert.
Die Botschaft hinter dem ausnahmslos großartig fotografierten Film und seinen skurrilen Einfällen liegt in der Verteidigung der schönen Künste. Eine Welt ohne Musik, Film, Literatur und Philosophie degradiert den Menschen zu einem eindimensionalen Lumpensammler, dem die natürliche Würde abhanden gekommen ist. Der Mensch kann nicht leben, ohne sich über den Existenzkampf zu erheben. Natürlich reicht das nicht aus, wenn man sich die unterirdische Gesellschaft der Bessergestellten anschaut: Ihre angebliche Transzendenz des Überlebenskampfes sind dumme Regeln, verblödete Rituale, affige Vorschriften, stumpfe Traditionen und zurückgebliebene Folklore, die nur immer wieder in der Gewalt des Mobs gegen den Einzelnen münden. Beide Gesellschaften, oberirdisch wie unterirdisch, funktionieren auf ihre Art, dieses Vegetieren innerhalb der Fesseln der Gewalt bietet jedoch keine Alternative zu einem l(i)ebenswerten, inspirierten Dasein, das vor allem Blood hinter den Hügeln des Ödlands vermutet – Treibstoff: Hoffnung.
Diese Auffassung der Welt deckt sich mitunter auch mit Ray Manzareks (Organist und Komponist der Rockband The Doors) Ansichten, der zusammen mit Tim McIntire, der Vierbeiner Blood seine Stimme lieh, die Filmmusik komponierte und einspielte, welche zwischen populären Americana-Skizzen, dräuenden Synthesizern und Sci-Fi-Sounds changiert.
Über die audiovisuelle und gesellschaftskritische Klarheit von L.Q. Jones Endzeitvision kann man gleichzeitig so erfreut und von ihr fasziniert sein, dass einem die bissige, aber völlig beiläufig dargebrachte Schlusspointe entgehen könnte. Das krönende Beispiel des derben Humors, der “A Boy And His Dog” so unterhaltsam macht, abseits seiner pessimistischen Darstellung der Menschheit und der klugen Gedanken zu den (falschen) Formen ihrer Organisation. “Wer vertraut schon einem Polizeihund?” 8/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 11.02.2017)
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Puppet Master 3: Toulon’s Revenge

Puppet Master 3: Toulon’s Revenge

(Regie: David DeCoteau – USA, 1991)

Berlin, 1941: Dr. Hess arbeitet für die Nazis an der Wiederbelebung toter Wehrmachtssoldaten. Zur gleichen Zeit begeistert der Puppenspieler André Toulon sein Publikum, denn Toulons Puppen scheinen wirklich zu leben. Die Gestapo unter Major Krauss versucht, hinter das Geheimnis der Figuren zu kommen. Bei der Verhaftung Toulons wird dessen Frau Elsa erschossen. Toulon flieht und sinnt mit seinen lebendigen Puppen auf Rache…

Es brauchte drei Davids, um aus der soliden Grundkonstellation der nach Vergeltung dürstenden Holzfiguren der “Puppet Master”-Reihe, einen unterhaltsamen Film entstehen zu lassen. Während der erste Teil von Regisseur David Schmoeller den Vorteil des Neuen auskostete und die eigentümlichen Racheengel der Leinwand vorstellte, musste sich Puppenspieler und FX-Wizard David Allen in der Fortsetzung schon mehr Gedanken machen, um das Publikum bei Laune zu halten. Er scheiterte, denn seine einzige Neuerung war eine weitere Mörderpuppe, die er durch ein gähnend langweiliges Nichts an Handlung, Optik und Kills spazieren ließ. Erst mit “Toulon’s Rache”, dem dritten Teil, einem Direct-To-Video-Prequel unter der Regie von David DeCoteau, der seit den frühen 1980ern einen Low-Budget-Horrorstreifen nach dem anderen dreht (von den meisten sind mir nicht mal die Titel geläufig, ich erinnere mich aber an die große Plüschratte und das mit seiner eigenen Nabelschnur erdrosselte Baby in “Creepozoids”), fügen sich die Versatzstücke zusammen und ergeben ein stimmiges Gesamtbild.
Neben den wieder hervorragend, u.a. im Stop-Motion-Verfahren, animierten Puppen (ein neuer Charakter namens Six-Shooter ist mit von der Partie), gelingt es, mitten im San Fernando Valley und in den re-animierten Kulissen aus James Whales “Frankenstein”, das Berlin der frühen 1940er Jahre während der Nazi-Herrschaft abzubilden. DeCoteau und seine Crew montieren Studioszenen, kurze Außenaufnahmen und historisches Filmmaterial zu einer alternativen Realität, der man ihr geringes Budget ansieht, die davon unbeeinflusst aber einen trashigen Nazi-Charme versprüht, wie er passender für diesen Film nicht sein könnte. It’s alive!
Muss man als Filmemacher stets auf der Hut sein, weil große Teile von Kritik und Publikum das “Dritte Reich” nicht zu Unterhaltungszwecken “missbraucht” sehen wollen, schafft die Pappkulisse Berlins genügend Distanz, um über den zertrümmerten Pappmachéschädel einer Hitler-Marionette lachen zu können. Darf man das denn? Aus bürgerlicher Sicht eher nicht, braucht man doch den Dämon Hitler und die fiesen Nazi-Monster, um davon abzulenken, dass es das gewöhnliche Volk (der Dichter und Denker) war, welches den Zivilisationsbruch beging – und schon wieder fleißig daran werkelt, seine ekelhaften Überzeugungen im Gleichschritt in die Welt zu morden. Andererseits begibt sich DeCoteaus Fantasy-Horror nicht mal in den Dunstkreis gescholtener Nazi-(S)Exploitation wie “Ilsa – She-Wolf of the SS” oder “SS Helltrain – Folterzug der geschändeten Frauen”, sondern setzt in der Darstellung der Nazis eher auf Vorbilder aus dem Mainstreamkino. Spielbergs Indiana-Jones-Filme könnten Pate gestanden haben.
Die Defizite in der (dem geringen Budget von 800.000 US-Dollar geschuldeten) Ausstattung versucht DeCoteau durch Liebe zum Detail wettzumachen, beispielsweise mit orthographischer und grammatikalischer Genauigkeit, sowohl in den Dialogen als auch auf Schriftstücken, Plakaten und ähnlichem. Ziemlich penibel für ein Filmgenre, das deutsche Protagonisten oft in einem “Achtung! Halt! Schnell!”-Kauderwelsch versinken lässt. Leider nicht penibel genug, denn auf einem der Fahndungsplakate bietet man 10.000 DM für den gesuchten André Toulon – zu einer Zeit als Friedrich Kraut seine Schrippen noch in Reichsmark zahlte.
In “Puppet Master 3” erfahren wir schließlich auch, warum die quasi unsterblichen Puppen so mies gelaunt sind und ein übersteigertes Rachebedürfnis haben: Sie sind Freunde André Toulons, die Opfer der Nazis wurden und deren Seelen Toulon mittels eines altägyptischen Zaubers auf handgeschnitzte Marionetten übertrug. Dies verleiht der Killertruppe ein menschlicheres Profil, zerstört aber auch die mysteriöse Aura der ersten zwei Teile, in denen man sich nie ganz sicher war, woher die Gehässigkeit der kleinen Schnitzteufel rührte und wen sie als nächstes treffen würde. Ihr “modus operandi” hat sich hingegen nicht wirklich verändert: Man bringt den Gegner auf Augenhöhe (meist durch eine Attacke auf Füße oder Beine) und bohrt ihm dann durch den Bauch, erstickt ihn unter Blutegeln oder stranguliert den Lebenssaft aus dem Halse heraus. Durchaus blutiger als die Vorgänger, würde ich noch nicht von einem Splatterfilm sprechen wollen, denn die Effekte sind gut, aber eher simpel ausgeführt. So auch die schauspielerischen Leistungen: Überdurchschnittlich für ein kleines Genreprodukt wie “Puppet Master 3”, aber oft auf dem Charisma der Darsteller beruhend. DeCoteau beweist ein Händchen für sicheres “Typen”-Casting und setzt die von Richard Band komponierte Titelmusik gewinnbringend zur Verstärkung der sepiafarbenen Comic-Atmosphäre ein, die auch am Tage einen leicht gedämpften Albtraum umgibt, der ab und zu durch schneidende Schmerzensschreie erschüttert wird, bis sich wieder die Melancholie Toulons über das versteckte Leben seiner untoten Freunde legt. Oder wenn man der Tagline glauben will: “World War II has just gotten smaller!” 7/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.02.2017)
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Midnight Special

Midnight Special

(Regie: Jeff Nichols – USA, 2016)

Ein Vater flieht, um seinen kleinen Sohn Alton zu schützen und herauszufinden, was es mit den ungewöhnlichen Fähigkeiten des Jungen auf sich hat. Die Flucht vor religiösen Extremisten und der örtlichen Polizei eskaliert bald zu einer landesweiten Menschenjagd, an der auch die höchste Regierungsebene beteiligt ist. Letztlich muss der Vater alles riskieren, um Alton vor dem Schlimmsten zu bewahren und sein Schicksal zu erfüllen, das Auswirkungen auf die gesamte Welt haben könnte…

Ohne jemals zuvor einen Film von ihm gesehen zu haben (trotz der Meriten, die “Take Shelter” auf sich vereinen konnte), war mir Regisseur Jeff Nichols sofort sympathisch, als er in einem Interview die herausragende Bedeutung des Plots im zeitgenössischen Kino bemängelte. Die pedantische Ausformulierung der Geschichte(n) durch Berufsschreiberlinge, die jeden weißen Fleck der Landkarte geometrisch genau einzeichnen und auch noch in den passenden Farben kolorieren, erstickt ein weitergehendes Interesse für Story und Figuren im Keim, ermöglicht aber ein schnelles Konsumieren der Schauwerte, die ebenfalls nur gedankenlose Schablonen aus früheren Blockbustern sind; im besten Falle technisch aufgewertet, upgedated und erneut dem Publikumsgeschmack angepasst.
Hier beweist “Midnight Special” Mut zur Lücke und tupft Handlung, Orte und Charaktere nur grob auf die Leinwand, deutet Motivationen verschwommen an und überlässt den Rest der Vorstellungskraft des Zuschauers, der schnell in den Bann des mysteriösen Roadmovies gezogen wird; gerade weil die wenigen Informationen, die Jeff Nichols aushändigt, die Faszination befeuern und die Spannung von Minute zu Minute steigern können.
Wir befinden uns immer noch in der sicheren Umgebung des Unterhaltungskinos Hollywood’scher Prägung und lesen über die Spielzeit von Nichols viertem Film bekannte Topoi, Figuren, Handlungsstränge und Verhaltensweisen auf, die meist nur lose verknüpft sind. Vielleicht ist die Reduktion in “Midnight Special” erst durch das allgegenwärtige Zu-Ende-Erzählen der Leinwandgeschichten möglich, hat die Übermacht der akribisch und kleinkariert leerfabulierten Geschichten die Optionen geschaffen, die dem Zuschauer die Möglichkeit geben, die Lücken aus dem Gedächtnis oder der Vorstellung heraus aufzufüllen. So kommt es ganz auf das Publikum an, ob es die ollen Kamellen neu aufkocht oder andere Wege und Aussichten imaginisiert oder vielleicht auch halluziniert.
Die Realität in “Midnight Special” ist ein treffendes Abbild der aktuellen Weltgesellschaft, deren Paranoia in Gewalt umschlägt, befeuert durch religiösen Wahn- und Stumpfsinn, den Glauben an “Law & Order” und der Rücksichtslosigkeit im Umgang mit den Bedürftigen und Schwachen. Die Weigerung etwas außerhalb der Verwertbarkeit anzuerkennen, die sich für gewöhnlich “rational” nennt, macht aus vermeintlich aufgeklärten Menschen Viehhändler, die gierig sabbern, während sie den Schinken taxieren. Argumentiert wird nur noch mit Gewalt, die gesellschaftlichen Gruppen und Grüppchen finden keine gemeinsame Sprache mehr.
Umso verständlicher wirkt die eskapistische Auflösung, die Möglichkeit einer Paralleldimension oder eines Jenseits, von extraterrestrischen Welten – und obwohl man nichts über diese weiß, scheinen sie erstrebenswerter als die ermüdenden Brutalitäten und Hetzjagden der Menschen. Den meisten Heranwachsenden wird sehr schnell klar, dass nichts weniger neu unter dieser alten Sonne ist, als der Umgang der Menschen miteinander. Im Moment tritt das Mittelalter im Kopf der breiten Masse nur wieder deutlicher zutage. Die Bereitschaft, einem Mitmenschen eine Katzenmusik darzubieten, erreicht alte und vielleicht sogar neue Höhen.
Ähnlich wie John Carpenter versammelt auch Jeff Nichols eine Hand voll Schauspieler und Crew-Mitglieder um sich, die er von Film zu Film erneut einsetzt. Er schätzt tiefere Bekanntschaften und die Fähigkeiten seiner Kollegen. Persönlich wünsche ich mir, Kirsten Dunst solle bitte keinen Zugang zum engeren Kreis finden, ihre Rolle als Mutter des außergewöhnlich begabten Alton ist ziemlich überflüssig. “Midnight Special” würde auch komplett ohne sie funktionieren, sind doch alle Emotionen und Gedanken doppelt angelegt: Einmal als Original in Altons leiblichem Vater Roy – und als schwacher Widerschein in Kirsten Dunsts Mutterdarbietung. (Erstaunlicherweise komplettiert Nichols hier die Kleinfamilie, lässt aber immerhin den Großteil ihrer Vergangenheit im Dunkeln.)
Weil “Midnight Special” sich seiner Wurzeln im Genre-Kino bewusst ist, ermöglichen kurzweilige Action- und Thriller-Momente im Verbund mit dem gelungenen Score, der immer mal wieder die 80er evoziert, Sci-Fi-Unterhaltung abseits von sterbenslangweiligen Weltraumschlachten und schlecht gekleideten Superhelden. Weder die Menschheit, noch deren Welt stehen hier zur Disposition, im Gegenteil: Sie ist eher eine bemitleidenswerte, heruntergekommene Haltestelle auf dem Weg zum wirklichen Ziel – und das Schicksal der Zurückgelassenen so gut wie egal. 7/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 27.01.2017)
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Eden Log

Eden Log

(Regie: Franck Vestiel – Frankreich, 2007)

Ein Mann erwacht in einer dunklen Höhle, neben ihm ein verwesender Körper. Doch er hat keine Erinnerung, was geschehen ist und was es mit der Leiche und der Höhle auf sich hat. Er versucht zu entkommen, wird jedoch stets von unheimlichen Kreaturen verfolgt. Auf der Suche nach einem Ausweg stößt er auf das, was sich hinter dem düsteren Tunnelsystem verbirgt und was die mysteriöse Organisation “Eden Log” damit zu tun hat…

Vieles in Franck Vestiels Regiedebüt “Eden Log” erinnert an die Labyrinthe der Egoshooter, die sich havarierten Sci-Fi-Welten widmeten, bevor es unter den Spielern populär wurde, ihren Nervenkitzel in Gefechten zu suchen, die echten Konflikten und Kriegen nachempfunden waren: Vom Terrorismus bis zum Ersten Weltkrieg bildet das Spielfeld heutzutage weit realistischere Schlachtfelder ab, als etwa eine von Dämonen heimgesuchte Raumstation auf einem entfernten Planeten der Zukunft.
In “Eden Log” erhebt sich ein zunächst Namens- und Identitätsloser aus dem Schlamm der Ur-Suppe, um seine ihm feindlich gesinnte Umgebung zu erforschen. Die nette, geburtsähnliche Sequenz endet mit der Nutzbarmachung des Lichts. Es ist kaltes, elektrisches Licht, das die Grube oder Höhle beleuchtet. Und während es den visuellen Ton des Films bestimmt (ein sehr blasses, bläuliches “Soylent” Grün auf dem Weg ins kontrastreiche Schwarzweiß), erzählt es uns auch ein wenig über den Ort, an dem wir uns befinden: Kein mythischer Nichtplatz, keine Traumlandschaft, viel eher ein ungemütliches Bergwerk, sehr lange nach Industrialisierung und Digitalisierung. Ein Menschenort, der erbärmlich nach Fron und Arbeit stinkt. Vestiel nutzt seine desorientierende Eröffnungssequenz, um diesen Eindruck zu unterdrücken, verstärkt den Willen zur Phantasie mit Trugbildern und Horrorimpressionen, die sich zuletzt jedoch als unvermeidlicher Teil einer fehlgeschlagenen Technik erweisen.
Entweder sickerte mir diese Erkenntnis nur sehr langsam ins Bewusstsein oder ich wollte es noch nicht wahrhaben, weil mein Hirn in der Dunkelheit und mit dem stark assoziativen “Eden” im Titel, jede Baumwurzel, die sich zwischen die mit Elektronik durchwachsenen Stahl- und Betonbauten der Menschen gezogen hatte, als Teil des Weltenbaums begreifen wollte. Als “axis mundi”, der Schnellstraße zwischen Ober- und Unterwelt, die Schamanen mit ihren Ayahuasca-Vehikeln bereisen. Und tatsächlich findet eine Reise statt, die aus dem schwärzesten Zustand der Ohnmacht zu einer kuppelsprengenden Erleuchtung führt – dies aber weniger symbolisch, als ich es erwartet hatte. Die Botschaft im Herzen von “Eden Log” ist ökologisch-moralischer Natur und ergibt in ihrer Darstellung des Spannungsfelds zwischen technischem Fortschritt, Umweltschutz und Menschlichkeit eine klassische Sci-Fi-Dystopie aus dem Lehrbuch.
Zunächst aber übernimmt der Egoshooter-Anteil des Films das Ruder: Wie in der Kinoversion von “Silent Hill” gibt es Schalter- und Schlüsselrätsel, sowie Konfrontationen mit Gegnern verschiedener Klassen, die ihre Konsolenherkunft nur schwer verleugnen können. Die sich stets vertiefende Hintergrundgeschichte “spielt” die Hauptfigur im Laufe des Films “frei”, beginnend mit einer großartigen Szene, in der aus Trümmerteilen nach und nach eine improvisierte Leinwand entsteht, auf der zum ersten Mal etwas Licht ins Dunkel der Hintergründe geworfen wird. Einer der optischen Leckerbissen von “Eden Log”, dessen Grundton düster angerührt wurde, um hier und da ein paar Kleckse Angst und Schrecken hinzuzufügen. Leider steht dann auch nach einer guten Stunde fest, dass sich hier wenig Metaphysisches versteckt und Regisseur und Co-Autor Franck Vestiel eine simple Sci-Fi-Geschichte erzählt, die er vor allem durch Auslassungen und Andeutungen spannender ausmalt, als es der Grundriss zulassen sollte. Die Kämpfe und Actionsequenzen sind zahlreich, aber kurz und gut dosiert, so dass “Eden Log” seine bedrückende Atmosphäre niemals den Scharmützeln preisgeben muss, die andere Filme dieser Art so ermüdend machen. Vestiel behält sein Finale fest im Fadenkreuz und verkalkuliert sich dennoch unangenehm mit der Sprengwirkung des Mindfucks: Eine Knallerbse, anstatt des anvisierten Feuerwerks, die in ihrer Wirkung in keinem Verhältnis zum vorherigen Teil des Films steht. Besonders bedauerlich, weil Vestiels visuelle und atmosphärische Raffinesse keinen zusammengezimmerten Höhepunkt aus der Werkstatt der Geschichtenerzähler gebraucht hätte, um “Eden Log” zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen. So entwurzelt das unverständliche Verlangen nach narrativer Vollpension die Elemente, die “Eden Log” über knapp 100 Minuten trugen, um mal wieder einen Märtyrer für die Sünden der Menschheit sterben zu lassen – mit Ausblick auf eine bessere Welt. Ohne Menschen. Immerhin. 7/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.12.2016)
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Der Satan

Der Satan

(Regie: Bob Roberts – USA, 1971)

Der Tagesablauf einer mehrköpfigen Sekte besteht aus Musik, Drogen und Sex. Die Mitglieder gehorchen ihrem Anführer Moon (Troy Donahue), der sich für den Messias hält, blind und können bis zum Äußersten gehen, wenn es sein muss. Ausgerechnet ihn hat sich die wohlbetuchte Sandra als besonderes Highlight für ihre anspruchsvollen Partygäste ausgesucht. Was zunächst wie ein Rausch aus Drogen und Sex ausschaut, entwickelt sich nach und nach in eine Orgie aus Blut und Gewalt.

Das große Entsetzen über die Morde der Manson Family war noch nicht aus den Boulevardblättern verschwunden, da kam 1971 “Sweet Savior” (Originaltitel) in die Kinos, eine Prä-Troma-Produktion Lloyd Kaufmans, die sich die Eckpfeiler der Sensationsgeschichte aneignete, um sie in die Straßen New Yorks zu transferieren.
Hier beginnt die Fiktionalisierung einer überschaubaren Mordserie, die im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer groteskere Blüten trieb, bis der kleinkriminelle Folkmusiker Charles Manson in den Listen der Massenmörder und Serienkiller auftauchte, und sich einen Podiumsplatz im Olymp des Bösen sichern konnte – in Sichtweite des Teufels und Adolf Hitlers. Schuld daran war die Hysterie der US-amerikanisch geprägten Mehrheitsgesellschaft der Vororte, die von einem Granatsplitter gestreift wurde, der zu den Bomben gehörte, die ihre Ignoranz im Kampf für “das Gute” (und gegen den Kommunismus) in alle Welt aussandte. Anstatt “gooks” und “rotten dirty commie rats” zu zerreißen, explodierte die Gewalt mitten in den sedierten Vorstädten – und zerfetzte vermeintlich anständige und hart arbeitende Bürger, die sich selbst zweifellos für “die Guten” hielten. Nicht nur das: Mit dem Mord an der hochschwangeren Sharon Tate (Model, Schauspielerin und Ehefrau Roman Polanskis) tangierten die Taten der Manson Family auch Hollywoods Showbiz und die angeschlossene Fernsehlandschaft. Es gab für die Mustermänner und -frauen, die Ziel dieses Terroranschlags wurden, nicht mal die Möglichkeit in die phantasielose Welt des Fernsehens zu fliehen: Die Messer (und Gabeln) steckten auch im Fleisch dieses Apparats.
Da möchte ich es als subversiven Kunstgriff verstehen, wenn Regisseur Bob Roberts die Hauptrolle des Moon, die eindeutig Charles Manson nachempfunden ist, mit Troy Donahue besetzt, einem Schmachtbolzen der 50er und 60er Jahre, der auch das Vorbild für den “The Simpsons”-Charakter Troy McClure abgab; einem einfach gestrickten und etwas abgehalfterten Kinodarsteller aus der Welt der professionellen Gewöhnlichkeit, Ex-Teenie-Idol und Schwiegermutters Liebling. In meinen Augen kein Fehler, auch wenn die schauspielerische Herausforderung sicher nicht hoch war; muss Donahue doch vor allem dafür sorgen, dass Jeans, Lederjacke, Mähne und Bart überzeugend zur Geltung kommen. Moon ist ein Prediger, der sich mit Jesus Christus identifiziert und von sich selbst als Gott spricht. Schon sein Name charakterisiert ihn als Blender: Der Mond leuchtet nur, wenn er von der Sonne angestrahlt wird. Er ist nicht er-, sondern höchstens beleuchtet. Ein kleiner Trabant im Schatten des Herrn, womöglich mit den Ambitionen Luzifers.
Eine pseudosatanistische Zeremonie eröffnet den Film mit den üblichen Zutaten, kurz darauf folgt die Kamera Moon auf seinem Motorrad kreuz und quer durch New York, während im Hintergrund der von Jerry Barry komponierte Titeltrack ertönt: Lockerer Pop/Rock der frühen 70er. Weitere Musikstücke, die im Verlaufe des Films viel Platz einnehmen (die Struktur erinnert manchmal an die Arbeiten Kenneth Angers), entspringen dieser Richtung oder orientieren sich an Easy-Listening-Aufnahmen. Man sieht den Alltag einer Kommune: Drogenkonsum, musikalisches Abhängen und freie Liebe. Ein sehr großer Teil von “The Love Thrill Murders” (US-Alternativtitel) besteht einfach nur aus Menschen, die sich ausziehen, und leidlich spannend nachempfundenem Hippie-Pop, der sein Verfallsdatum schon überschritten hat. Erst zum Schluss, wenn die Morde anstehen, tut sich auch Interessantes auf der Tonspur: Die gefälligen Sounds werden durch psychedelisch blubbernde und bedrohlich zitternde und stechende Synths ersetzt. Hippiehorrorfilmmusik.(Unheimlich genug für die Mitarbeiter der BPjM, die 1990 für eine Indizierung votierten. 2015 erfolgte die Listenstreichung, nach Ablauf des üblichen Indizierungszeitraums von 25 Jahren.)
In der ersten Stunde präsentiert sich “Sweet Savior” vor allem als handwerklich ordentlich bebilderter, etwas schüchterner Sleazefilm, dem die wirkliche Inspiration fehlt und sorgt mit (räumlich) beengten Eindrücken aus dem Kommuneleben und laschen Partys für Verwirrung: Warum folgen diese junge Menschen Moon? Erfreuen sie sich wirklich an seinem Psychogebrabbel, einer halbgaren Essenz von halbverdauten Bibelstellen der Johannes-Offenbarung, und vergessen darüber, dass er ihr Zuhälter ist? Eine Lektion hat Moon gelernt: Die Führer dieser Welt, ob profan oder spirituell, sind durch die Bank Schmarotzer. Eine Lektion, die seinen Jüngern noch auf die harte Tour bevorsteht.
Gerade als die ersten Ansätze des Films zu befreiter Sexualität aufblitzen und das heteronormative Milieu aufgelockert werden kann, fällt “Der Satan” in einer zehnminütigen (wenn auch wenig graphischen) Gewaltorgie in sich zusammen, die einen antiklimaktischen Schlusspunkt hinter unbefriedigendes Gefummel setzt: Atmosphärisch sicher der beste Teil des Films, aber torpediert von einem offenen Ende, dessen Schockpotential sich in Grenzen hält: “Die Bösen” entgehen ihrer Bestrafung – man stelle sich vor… Noch einmal kommt man in den Genuss der Motorradszenen auf New Yorks Straßen und des Titelsongs; ein wenig befreiend, nachdem man fast die gesamte Spielzeit in piefigen Wohnzimmern verbracht hat.
Im “echten Leben” wurde die Manson Family mit dem Tode bestraft und entging ihm nur knapp durch eine Gesetzesnovelle, die das Todesurteil durch lebenslange Haft ersetzte. Manson ist mittlerweile über 80 Jahre alt und muss seine Tage als Comicversion des Schwarzen Mannes im Hochsicherheitstrakt absitzen. Ein Staatsfeind mit roter Pappnase, ein Till Eulenspiegel der gleichgültigen, outgesourceten Gewalt der Mittelschicht.
“Der Satan” fügt dieser Geschichte nichts mehr hinzu, er wärmt sie für seine Zwecke auf. Kein Vergleich zu Jim VanBebbers psychedelischem Meisterwerk “The Manson Family”, das hiermit jedem ans Herz gelegt sei. Helter Skelter, ihr Schweine. 4/10

Vorspann (inkl. “Sweet Savior”)

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.12.2016)
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