Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood

Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood

(Regie: Hideshi Hino – Japan, 1985)

Ein Mann in einem Samurai-Kostüm entführt nachts eine Frau und bringt sie zu einem abgelegenen Keller, Ort einer bizarren Sammlung. Dort fesselt er sie an ein Bett, setzt sie unter Drogen und beginnt sie – Körperteil um Körperteil – zu zerstückeln.

Unter den ca. 6000 Videobändern, die bei der Festnahme des Serienmörders Tsutomu Miyazaki von der japanischen Polizei sichergestellt wurden, befand sich auch “Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood”, eine inhaltlich lose Fortsetzung des Splatterfilms “Guinea Pig: The Devil’s Experiment”, welcher wiederum mit der verbotenen Authentizität des Snuff-Films flirtete. Weil Tsutomu eines seiner Opfer auf ähnliche Weise tötete, wie der Protagonist in “Guinea Pig 2”, festigte sich der üble Leumund der Serie, welcher zuvor schon, durch ein Aufeinandertreffen mit der japanischen Justiz, die Öffentlichkeit erregte. Dem Vorbild des Prozesses gegen Ruggero Deodato und “Cannibal Holocaust” im Italien der frühen 1980er folgend, musste der Regisseur des ersten “Guinea Pig”-Teils vor Gericht nachweisen, dass niemand beim Dreh zu Schaden kam und sich alle Beteiligten – körperlich unversehrt – ihres Lebens erfreuten. Dazu fertigte man ein Video an, das die Spezialeffekte vorführte und ihre Funktionsweise erklärte. Teile dieses Tapes verwertete man später auch kommerziell als “Making of”-Bonusmaterial.
“Video” scheint in diesem Zusammenhang ein wichtiger Begriff zu sein, lässt sich die Rezeption der “Guinea Pig”-Filme doch alleine mit der Verbreitung der VHS-Rekorder erklären bzw. der Art, in welcher sich tabubrechende Horrorfilme unter dem Radar des Mainstreamkinos und -fernsehens weltweit über kopierte VHS-Kassetten verbreiteten.
Gut dreißig Jahre nach dem ersten Erscheinen stellt “The Devil’s Experiment” für medienerfahrene Jugendliche keine Herausforderung mehr dar: Selbst in (für seine Gewaltzensur besonders berüchtigt!) Deutschland kann man die “Guinea Pig”-Reihe als DVD- und Blu-ray-Release erwerben, remastert und mit Bonusmaterial (Teile der Reihe wurden beschlagnahmt, andere harren noch ihrer Aburteilung durch ein Gericht auf Liste B der BpjM).
Wie anders sahen die Reaktionen auf diesen Film wohl aus, wenn man Ende der 80er/Anfang der 90er die x-te Generation einer kopierten Videokassette im Freundeskreis (vielleicht auch über Brieffreundschaften im benachbarten Ausland) getauscht hatte.
“The Devil’s Experiment” behauptet zu Beginn ein wirkliches Snuff-Tape zu sein, ein Experiment “in Schmerzen”, gedreht zu pseudowissenschaftlichen Zwecken, aus den Archiven der Polizei. Ein frühes Beispiel des Found-Footage-Genres.
Manch einer mag die folgenden Folterszenen an einer jungen Frau für bare Münze genommen haben, der Authentizitätsfaktor einer von Hand beschrifteten und verrauschten VHS schlägt eine DVD-Veröffentlichung, im Kontext des Wissens um die ganze Filmreihe, um Längen. Und doch gibt es auch in “The Devil’s Experiment” auffällige Hinweise zur “Fakeness” des Geschehens: Die Beleuchtung ist professionell, die Farbgebung wirkt künstlich, um nicht zu sagen künstlerisch, und die vielen Wechsel der Kameraeinstellungen, sowie das häufige Verwenden extremer Nahaufnahmen sind ein sicheres Zeichen für das fiktionale Produkt von (splatter)filmaffinen Menschen.
“Flowers of Flesh and Blood” verzichtet auf das direkte Spiel mit dem Snuff-Feuer (vielleicht aufgrund der unschönen Begegnung mit der japanischen Gerichtsbarkeit), kann sich aber einen Bezug zur vermeintlichen Realität der Zuschauer nicht verkneifen, und behauptet, das vorliegende Video sei ein Reenactment eines 8mm-Amateurfilms, der Regisseur und Manga-Autor Hideshi Hino, zusammen mit dutzenden Fotografien und einem Brief, von einem Fan zugesandt wurde. Im Grunde auch nur eine verschärfte Version der “Based on true events”-Floskel, die den modernen Horrorfilm so gerne heimsucht, jedoch auch Nährboden für manchmal etwas plump anmutende künstlerische Ornamente, die sich abgeschmackter Bilder der Poesie bedienen, vielleicht, um die Splatter- und Gore-Effekte kitschig zu überhöhen, die hier zwar heftiger und blutiger als noch im ersten Teil ausfallen, aber schneller als Special FX auszumachen sind. Daher weiß ich auch nicht, ob ich der oft verbreiteten Geschichte trauen soll, Charlie Sheen habe nach einer privaten Videovorführung von “Flowers of Flesh and Blood” das FBI eingeschaltet, in der Annahme, er habe soeben einen echten Snuff-Film gesehen. Einem Menschen mitten aus dem Filmgeschäft muss die offensichtliche Inszenierung doch sofort ins Auge springen. Die wahrscheinlichere Variante wäre einfach ein guter Werbegag, um die Filmreihe auch in den USA und Europa bekannt zu machen, oder eine Verwechslung der Titel: “The Devil’s Experiment” könnte man eine solche Schockreaktion viel eher zutrauen.
Persönlich halte ich “Flowers of Flesh and Blood” für den gelungeneren Teil der Reihe, zum einen wegen meines Wissens um die Umstände der Entstehung von “The Devil’s Experiment”, zum anderen weil der Fokus nicht mehr auf den Qualen eines wehrlosen Menschen liegt, die sich auf ein empathisches Publikum übertragen sollen, sondern auf dem Spaß an der filmischen Umsetzung von frühkindlicher Neugier und Zerstörungswut, die mittels Splattereffekten den Geheimnissen des menschlichen Körpers auf den Grund gehen, ganz so, wie man als Dreijähriger seine Puppen und Spielzeuge auseinanderpflückte.
Kann die Zerstückelung eines Menschen als Unterhaltung dienen? Nicht unbedingt für jeden: Hideshis Film, dem ein paar Jahre später der noch phantastischere, künstlerische und poetischere “Guinea Pig 4: Mermaid In A Manhole” des selben Regisseurs folgen sollte, ist eher als filmhistorisches Dokument interessant, weil er zu den Werken gehörte, welche die Amateursplatterszene beeinflussten, die in den 1990ern ihren Höhepunkt auf Video feierte.
Dem gewöhnlichen Kinopublikum muss man Groteskes dieser Art mit einem Krimiplot unterjubeln, der ebenfalls eine moralische Rechtfertigung enthält. Wer nun immer noch ein Urteil über “Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood” und ähnlichen “filmischen Schmutz” fällen möchte, sollte sich an den Kinobesuch erinnern, bei dem ihm dieses kleine Horrorjuwel “SAW” so gut gefiel – und dann betreten schweigen. 6,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 17.02.2017)
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A Boy And His Dog

A Boy And His Dog

(Regie: L.Q. Jones – USA, 1975)

Nachdem der 4. Weltkrieg einen Großteil der Welt zerstört hat, zieht der Junge Vic, täglich auf der Suche nach Nahrung, Unterkunft und Sex, mit seinem durch Mutation sprechenden Hund durch die Gegend. Als er eines Tages eine junge Frau namens Quilla June trifft, erzählt diese ihm von einer unterirdischen Stadt, in der die Welt von früher noch erhalten sein soll. Schließlich führt die Flucht vor einer Bande von Plünderern Vic und June in besagte Stadt. Doch dort ist alles anders als erwartet…

Als dann endlich die Zivilisation unterging, tat sie es fünf Tage lang im psychedelischen Leuchten der Nuklearwaffenarsenale; der letzte große Auftritt des naturwissenschaftlichen Genies der Menschheit, bevor alles unter Schlamm und Schlacke begraben wurde. Doch selbst der größte anzunehmende Unfall, den man im Falle eines Krieges besser die “größte anzunehmende Dummheit” nennen sollte, bewahrt die Menschen nicht vor den Kategorien Rasse, Klasse und Geschlecht, so dass in der postapokalyptischen Welt von “A Boy And His Dog” ein paar Bessergestellte in einer künstlichen, unterirdischen Welt hausen, die sie aus den Trümmern der alten Welt errichteten und in der ewigen, himmellosen Dunkelheit des Bunkers bewohnen, während marodierende Truppen des Prekariats und abenteuerliche Einzelgänger auf der verheerten Oberfläche des Planeten ihr Überleben unter der sengenden Hitze der Sonne, die das wüste Land verbrennt, organisieren.
Regisseur L.Q. Jones zweiter Film ist so offensichtlich ein Vorbild für die “Mad Max”-Reihe, dass sogar in “Fury Road” noch Ideen aufblitzen, die 1975 schon in Don Johnsons Leinwanddebüt auftauchten. Der auf dem Truck festgezurrte Gitarrenspieler? Ganz sicher ein Einfall von Jones, der auch das Drehbuch nach einer 1969 erschienenen Kurzgeschichte von Harlan Ellison anfertigte und zuvor in vielen Western schauspielerte. Am Bekanntesten dürften seine Auftritte in den Filmen von Sam Peckinpah sein – und wie in den Filmen Peckinpahs, kann man in “Der Junge und sein Hund” (deutscher Verleihtitel) Probleme mit dem Frauenbild haben, das gezeichnet wird, vielleicht sogar schon von Frauenfeindlichkeit sprechen, obwohl das Science-Fiction-Abenteuer deutlich humorvollere Töne anschlägt als die grimmigen Gewaltorgien von “Bloody Sam”.
Der junge Vic (gespielt von Don Johnson, bekannt aus “Miami Vice”), von seinem vierbeinigen Begleiter fast durchgehend Albert genannt, zieht mit seinem Hund Blood durch die Wüste. Beide scheint eine längere Freundschaft zu verbinden, die auf den Annehmlichkeiten einer Zweckgemeinschaft beruhen: Vic besorgt das Futter, Blood kümmert sich um die Miezen. Richtig, der abgebrühte Wüstenköter kann nicht nur (telepathisch?) mit Vic kommunizieren und enzyklopädisches Wissen über die letzten Tage der Erde vorweisen, er hat auch einen untrüglichen Riecher für die Anwesenheit von Frauen. Diese sind Mangelware in den Tagen der Endzeit, mit der Betonung auf Ware: “A Boy And His Dog” beginnt mit einer Vergewaltigung, die weggeworfene und aufgeschlitzte Frauenleiber zurücklässt. Vic bedauert unter diesen Umständen nur, dass er nicht auch zum Stich kam.
Die beschränkten Lebensaussichten in der verdorrten Ödnis federt L.Q. Jones durch beeindruckend schöne und durchdachte Aufnahmen der Wüste ab, in deren Abbildung sich ein Freiheitsgefühl findet, das den Menschen aufgrund ihrer Lebensart verlorengegangen ist. Während diese im Dreck wühlen und sich um Nahrung prügeln, trotzt die Natur den hässlichen Tatsachen des Atomkriegs und atmet eine majestätische Selbstverständlichkeit, die Jones durch ständige Perspektivwechsel in immer neuen Variationen zeigt. Später orientiert sich der Blick der Kamera an den labyrinthischen Gängen, Rohren und Maschinen, die die Reste der Vorkriegswelt knapp unter der Oberfläche hinterlassen haben, um schließlich eine surreale Welt des Spießertums vorzuführen, die einem amerikanischen Postkartenidyll gleicht, das in die Schwärze der ewigen Finsternis getaucht wurde. Das herrschende Zwielicht setzt entlarvende Schlaglichter auf den keimenden, eher sogar aufblühenden Faschismus aus den Schößen des Bürgertums, das hier eine oberflächlich zivilisierte, aber rücksichtslose und brutale Gesellschaft installiert hat, die Werten wie Gehorsam huldigt und den “Law & Order”-Gedanken auf die subtile Bösartigkeit aus George Orwells “1984” reduziert.
Die Botschaft hinter dem ausnahmslos großartig fotografierten Film und seinen skurrilen Einfällen liegt in der Verteidigung der schönen Künste. Eine Welt ohne Musik, Film, Literatur und Philosophie degradiert den Menschen zu einem eindimensionalen Lumpensammler, dem die natürliche Würde abhanden gekommen ist. Der Mensch kann nicht leben, ohne sich über den Existenzkampf zu erheben. Natürlich reicht das nicht aus, wenn man sich die unterirdische Gesellschaft der Bessergestellten anschaut: Ihre angebliche Transzendenz des Überlebenskampfes sind dumme Regeln, verblödete Rituale, affige Vorschriften, stumpfe Traditionen und zurückgebliebene Folklore, die nur immer wieder in der Gewalt des Mobs gegen den Einzelnen münden. Beide Gesellschaften, oberirdisch wie unterirdisch, funktionieren auf ihre Art, dieses Vegetieren innerhalb der Fesseln der Gewalt bietet jedoch keine Alternative zu einem l(i)ebenswerten, inspirierten Dasein, das vor allem Blood hinter den Hügeln des Ödlands vermutet – Treibstoff: Hoffnung.
Diese Auffassung der Welt deckt sich mitunter auch mit Ray Manzareks (Organist und Komponist der Rockband The Doors) Ansichten, der zusammen mit Tim McIntire, der Vierbeiner Blood seine Stimme lieh, die Filmmusik komponierte und einspielte, welche zwischen populären Americana-Skizzen, dräuenden Synthesizern und Sci-Fi-Sounds changiert.
Über die audiovisuelle und gesellschaftskritische Klarheit von L.Q. Jones Endzeitvision kann man gleichzeitig so erfreut und von ihr fasziniert sein, dass einem die bissige, aber völlig beiläufig dargebrachte Schlusspointe entgehen könnte. Das krönende Beispiel des derben Humors, der “A Boy And His Dog” so unterhaltsam macht, abseits seiner pessimistischen Darstellung der Menschheit und der klugen Gedanken zu den (falschen) Formen ihrer Organisation. “Wer vertraut schon einem Polizeihund?” 8/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 11.02.2017)
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Puppet Master 3: Toulon’s Revenge

Puppet Master 3: Toulon’s Revenge

(Regie: David DeCoteau – USA, 1991)

Berlin, 1941: Dr. Hess arbeitet für die Nazis an der Wiederbelebung toter Wehrmachtssoldaten. Zur gleichen Zeit begeistert der Puppenspieler André Toulon sein Publikum, denn Toulons Puppen scheinen wirklich zu leben. Die Gestapo unter Major Krauss versucht, hinter das Geheimnis der Figuren zu kommen. Bei der Verhaftung Toulons wird dessen Frau Elsa erschossen. Toulon flieht und sinnt mit seinen lebendigen Puppen auf Rache…

Es brauchte drei Davids, um aus der soliden Grundkonstellation der nach Vergeltung dürstenden Holzfiguren der “Puppet Master”-Reihe, einen unterhaltsamen Film entstehen zu lassen. Während der erste Teil von Regisseur David Schmoeller den Vorteil des Neuen auskostete und die eigentümlichen Racheengel der Leinwand vorstellte, musste sich Puppenspieler und FX-Wizard David Allen in der Fortsetzung schon mehr Gedanken machen, um das Publikum bei Laune zu halten. Er scheiterte, denn seine einzige Neuerung war eine weitere Mörderpuppe, die er durch ein gähnend langweiliges Nichts an Handlung, Optik und Kills spazieren ließ. Erst mit “Toulon’s Rache”, dem dritten Teil, einem Direct-To-Video-Prequel unter der Regie von David DeCoteau, der seit den frühen 1980ern einen Low-Budget-Horrorstreifen nach dem anderen dreht (von den meisten sind mir nicht mal die Titel geläufig, ich erinnere mich aber an die große Plüschratte und das mit seiner eigenen Nabelschnur erdrosselte Baby in “Creepozoids”), fügen sich die Versatzstücke zusammen und ergeben ein stimmiges Gesamtbild.
Neben den wieder hervorragend, u.a. im Stop-Motion-Verfahren, animierten Puppen (ein neuer Charakter namens Six-Shooter ist mit von der Partie), gelingt es, mitten im San Fernando Valley und in den re-animierten Kulissen aus James Whales “Frankenstein”, das Berlin der frühen 1940er Jahre während der Nazi-Herrschaft abzubilden. DeCoteau und seine Crew montieren Studioszenen, kurze Außenaufnahmen und historisches Filmmaterial zu einer alternativen Realität, der man ihr geringes Budget ansieht, die davon unbeeinflusst aber einen trashigen Nazi-Charme versprüht, wie er passender für diesen Film nicht sein könnte. It’s alive!
Muss man als Filmemacher stets auf der Hut sein, weil große Teile von Kritik und Publikum das “Dritte Reich” nicht zu Unterhaltungszwecken “missbraucht” sehen wollen, schafft die Pappkulisse Berlins genügend Distanz, um über den zertrümmerten Pappmachéschädel einer Hitler-Marionette lachen zu können. Darf man das denn? Aus bürgerlicher Sicht eher nicht, braucht man doch den Dämon Hitler und die fiesen Nazi-Monster, um davon abzulenken, dass es das gewöhnliche Volk (der Dichter und Denker) war, welches den Zivilisationsbruch beging – und schon wieder fleißig daran werkelt, seine ekelhaften Überzeugungen im Gleichschritt in die Welt zu morden. Andererseits begibt sich DeCoteaus Fantasy-Horror nicht mal in den Dunstkreis gescholtener Nazi-(S)Exploitation wie “Ilsa – She-Wolf of the SS” oder “SS Helltrain – Folterzug der geschändeten Frauen”, sondern setzt in der Darstellung der Nazis eher auf Vorbilder aus dem Mainstreamkino. Spielbergs Indiana-Jones-Filme könnten Pate gestanden haben.
Die Defizite in der (dem geringen Budget von 800.000 US-Dollar geschuldeten) Ausstattung versucht DeCoteau durch Liebe zum Detail wettzumachen, beispielsweise mit orthographischer und grammatikalischer Genauigkeit, sowohl in den Dialogen als auch auf Schriftstücken, Plakaten und ähnlichem. Ziemlich penibel für ein Filmgenre, das deutsche Protagonisten oft in einem “Achtung! Halt! Schnell!”-Kauderwelsch versinken lässt. Leider nicht penibel genug, denn auf einem der Fahndungsplakate bietet man 10.000 DM für den gesuchten André Toulon – zu einer Zeit als Friedrich Kraut seine Schrippen noch in Reichsmark zahlte.
In “Puppet Master 3” erfahren wir schließlich auch, warum die quasi unsterblichen Puppen so mies gelaunt sind und ein übersteigertes Rachebedürfnis haben: Sie sind Freunde André Toulons, die Opfer der Nazis wurden und deren Seelen Toulon mittels eines altägyptischen Zaubers auf handgeschnitzte Marionetten übertrug. Dies verleiht der Killertruppe ein menschlicheres Profil, zerstört aber auch die mysteriöse Aura der ersten zwei Teile, in denen man sich nie ganz sicher war, woher die Gehässigkeit der kleinen Schnitzteufel rührte und wen sie als nächstes treffen würde. Ihr “modus operandi” hat sich hingegen nicht wirklich verändert: Man bringt den Gegner auf Augenhöhe (meist durch eine Attacke auf Füße oder Beine) und bohrt ihm dann durch den Bauch, erstickt ihn unter Blutegeln oder stranguliert den Lebenssaft aus dem Halse heraus. Durchaus blutiger als die Vorgänger, würde ich noch nicht von einem Splatterfilm sprechen wollen, denn die Effekte sind gut, aber eher simpel ausgeführt. So auch die schauspielerischen Leistungen: Überdurchschnittlich für ein kleines Genreprodukt wie “Puppet Master 3”, aber oft auf dem Charisma der Darsteller beruhend. DeCoteau beweist ein Händchen für sicheres “Typen”-Casting und setzt die von Richard Band komponierte Titelmusik gewinnbringend zur Verstärkung der sepiafarbenen Comic-Atmosphäre ein, die auch am Tage einen leicht gedämpften Albtraum umgibt, der ab und zu durch schneidende Schmerzensschreie erschüttert wird, bis sich wieder die Melancholie Toulons über das versteckte Leben seiner untoten Freunde legt. Oder wenn man der Tagline glauben will: “World War II has just gotten smaller!” 7/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.02.2017)
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Midnight Special

Midnight Special

(Regie: Jeff Nichols – USA, 2016)

Ein Vater flieht, um seinen kleinen Sohn Alton zu schützen und herauszufinden, was es mit den ungewöhnlichen Fähigkeiten des Jungen auf sich hat. Die Flucht vor religiösen Extremisten und der örtlichen Polizei eskaliert bald zu einer landesweiten Menschenjagd, an der auch die höchste Regierungsebene beteiligt ist. Letztlich muss der Vater alles riskieren, um Alton vor dem Schlimmsten zu bewahren und sein Schicksal zu erfüllen, das Auswirkungen auf die gesamte Welt haben könnte…

Ohne jemals zuvor einen Film von ihm gesehen zu haben (trotz der Meriten, die “Take Shelter” auf sich vereinen konnte), war mir Regisseur Jeff Nichols sofort sympathisch, als er in einem Interview die herausragende Bedeutung des Plots im zeitgenössischen Kino bemängelte. Die pedantische Ausformulierung der Geschichte(n) durch Berufsschreiberlinge, die jeden weißen Fleck der Landkarte geometrisch genau einzeichnen und auch noch in den passenden Farben kolorieren, erstickt ein weitergehendes Interesse für Story und Figuren im Keim, ermöglicht aber ein schnelles Konsumieren der Schauwerte, die ebenfalls nur gedankenlose Schablonen aus früheren Blockbustern sind; im besten Falle technisch aufgewertet, upgedated und erneut dem Publikumsgeschmack angepasst.
Hier beweist “Midnight Special” Mut zur Lücke und tupft Handlung, Orte und Charaktere nur grob auf die Leinwand, deutet Motivationen verschwommen an und überlässt den Rest der Vorstellungskraft des Zuschauers, der schnell in den Bann des mysteriösen Roadmovies gezogen wird; gerade weil die wenigen Informationen, die Jeff Nichols aushändigt, die Faszination befeuern und die Spannung von Minute zu Minute steigern können.
Wir befinden uns immer noch in der sicheren Umgebung des Unterhaltungskinos Hollywood’scher Prägung und lesen über die Spielzeit von Nichols viertem Film bekannte Topoi, Figuren, Handlungsstränge und Verhaltensweisen auf, die meist nur lose verknüpft sind. Vielleicht ist die Reduktion in “Midnight Special” erst durch das allgegenwärtige Zu-Ende-Erzählen der Leinwandgeschichten möglich, hat die Übermacht der akribisch und kleinkariert leerfabulierten Geschichten die Optionen geschaffen, die dem Zuschauer die Möglichkeit geben, die Lücken aus dem Gedächtnis oder der Vorstellung heraus aufzufüllen. So kommt es ganz auf das Publikum an, ob es die ollen Kamellen neu aufkocht oder andere Wege und Aussichten imaginisiert oder vielleicht auch halluziniert.
Die Realität in “Midnight Special” ist ein treffendes Abbild der aktuellen Weltgesellschaft, deren Paranoia in Gewalt umschlägt, befeuert durch religiösen Wahn- und Stumpfsinn, den Glauben an “Law & Order” und der Rücksichtslosigkeit im Umgang mit den Bedürftigen und Schwachen. Die Weigerung etwas außerhalb der Verwertbarkeit anzuerkennen, die sich für gewöhnlich “rational” nennt, macht aus vermeintlich aufgeklärten Menschen Viehhändler, die gierig sabbern, während sie den Schinken taxieren. Argumentiert wird nur noch mit Gewalt, die gesellschaftlichen Gruppen und Grüppchen finden keine gemeinsame Sprache mehr.
Umso verständlicher wirkt die eskapistische Auflösung, die Möglichkeit einer Paralleldimension oder eines Jenseits, von extraterrestrischen Welten – und obwohl man nichts über diese weiß, scheinen sie erstrebenswerter als die ermüdenden Brutalitäten und Hetzjagden der Menschen. Den meisten Heranwachsenden wird sehr schnell klar, dass nichts weniger neu unter dieser alten Sonne ist, als der Umgang der Menschen miteinander. Im Moment tritt das Mittelalter im Kopf der breiten Masse nur wieder deutlicher zutage. Die Bereitschaft, einem Mitmenschen eine Katzenmusik darzubieten, erreicht alte und vielleicht sogar neue Höhen.
Ähnlich wie John Carpenter versammelt auch Jeff Nichols eine Hand voll Schauspieler und Crew-Mitglieder um sich, die er von Film zu Film erneut einsetzt. Er schätzt tiefere Bekanntschaften und die Fähigkeiten seiner Kollegen. Persönlich wünsche ich mir, Kirsten Dunst solle bitte keinen Zugang zum engeren Kreis finden, ihre Rolle als Mutter des außergewöhnlich begabten Alton ist ziemlich überflüssig. “Midnight Special” würde auch komplett ohne sie funktionieren, sind doch alle Emotionen und Gedanken doppelt angelegt: Einmal als Original in Altons leiblichem Vater Roy – und als schwacher Widerschein in Kirsten Dunsts Mutterdarbietung. (Erstaunlicherweise komplettiert Nichols hier die Kleinfamilie, lässt aber immerhin den Großteil ihrer Vergangenheit im Dunkeln.)
Weil “Midnight Special” sich seiner Wurzeln im Genre-Kino bewusst ist, ermöglichen kurzweilige Action- und Thriller-Momente im Verbund mit dem gelungenen Score, der immer mal wieder die 80er evoziert, Sci-Fi-Unterhaltung abseits von sterbenslangweiligen Weltraumschlachten und schlecht gekleideten Superhelden. Weder die Menschheit, noch deren Welt stehen hier zur Disposition, im Gegenteil: Sie ist eher eine bemitleidenswerte, heruntergekommene Haltestelle auf dem Weg zum wirklichen Ziel – und das Schicksal der Zurückgelassenen so gut wie egal. 7/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 27.01.2017)
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Eden Log

Eden Log

(Regie: Franck Vestiel – Frankreich, 2007)

Ein Mann erwacht in einer dunklen Höhle, neben ihm ein verwesender Körper. Doch er hat keine Erinnerung, was geschehen ist und was es mit der Leiche und der Höhle auf sich hat. Er versucht zu entkommen, wird jedoch stets von unheimlichen Kreaturen verfolgt. Auf der Suche nach einem Ausweg stößt er auf das, was sich hinter dem düsteren Tunnelsystem verbirgt und was die mysteriöse Organisation “Eden Log” damit zu tun hat…

Vieles in Franck Vestiels Regiedebüt “Eden Log” erinnert an die Labyrinthe der Egoshooter, die sich havarierten Sci-Fi-Welten widmeten, bevor es unter den Spielern populär wurde, ihren Nervenkitzel in Gefechten zu suchen, die echten Konflikten und Kriegen nachempfunden waren: Vom Terrorismus bis zum Ersten Weltkrieg bildet das Spielfeld heutzutage weit realistischere Schlachtfelder ab, als etwa eine von Dämonen heimgesuchte Raumstation auf einem entfernten Planeten der Zukunft.
In “Eden Log” erhebt sich ein zunächst Namens- und Identitätsloser aus dem Schlamm der Ur-Suppe, um seine ihm feindlich gesinnte Umgebung zu erforschen. Die nette, geburtsähnliche Sequenz endet mit der Nutzbarmachung des Lichts. Es ist kaltes, elektrisches Licht, das die Grube oder Höhle beleuchtet. Und während es den visuellen Ton des Films bestimmt (ein sehr blasses, bläuliches “Soylent” Grün auf dem Weg ins kontrastreiche Schwarzweiß), erzählt es uns auch ein wenig über den Ort, an dem wir uns befinden: Kein mythischer Nichtplatz, keine Traumlandschaft, viel eher ein ungemütliches Bergwerk, sehr lange nach Industrialisierung und Digitalisierung. Ein Menschenort, der erbärmlich nach Fron und Arbeit stinkt. Vestiel nutzt seine desorientierende Eröffnungssequenz, um diesen Eindruck zu unterdrücken, verstärkt den Willen zur Phantasie mit Trugbildern und Horrorimpressionen, die sich zuletzt jedoch als unvermeidlicher Teil einer fehlgeschlagenen Technik erweisen.
Entweder sickerte mir diese Erkenntnis nur sehr langsam ins Bewusstsein oder ich wollte es noch nicht wahrhaben, weil mein Hirn in der Dunkelheit und mit dem stark assoziativen “Eden” im Titel, jede Baumwurzel, die sich zwischen die mit Elektronik durchwachsenen Stahl- und Betonbauten der Menschen gezogen hatte, als Teil des Weltenbaums begreifen wollte. Als “axis mundi”, der Schnellstraße zwischen Ober- und Unterwelt, die Schamanen mit ihren Ayahuasca-Vehikeln bereisen. Und tatsächlich findet eine Reise statt, die aus dem schwärzesten Zustand der Ohnmacht zu einer kuppelsprengenden Erleuchtung führt – dies aber weniger symbolisch, als ich es erwartet hatte. Die Botschaft im Herzen von “Eden Log” ist ökologisch-moralischer Natur und ergibt in ihrer Darstellung des Spannungsfelds zwischen technischem Fortschritt, Umweltschutz und Menschlichkeit eine klassische Sci-Fi-Dystopie aus dem Lehrbuch.
Zunächst aber übernimmt der Egoshooter-Anteil des Films das Ruder: Wie in der Kinoversion von “Silent Hill” gibt es Schalter- und Schlüsselrätsel, sowie Konfrontationen mit Gegnern verschiedener Klassen, die ihre Konsolenherkunft nur schwer verleugnen können. Die sich stets vertiefende Hintergrundgeschichte “spielt” die Hauptfigur im Laufe des Films “frei”, beginnend mit einer großartigen Szene, in der aus Trümmerteilen nach und nach eine improvisierte Leinwand entsteht, auf der zum ersten Mal etwas Licht ins Dunkel der Hintergründe geworfen wird. Einer der optischen Leckerbissen von “Eden Log”, dessen Grundton düster angerührt wurde, um hier und da ein paar Kleckse Angst und Schrecken hinzuzufügen. Leider steht dann auch nach einer guten Stunde fest, dass sich hier wenig Metaphysisches versteckt und Regisseur und Co-Autor Franck Vestiel eine simple Sci-Fi-Geschichte erzählt, die er vor allem durch Auslassungen und Andeutungen spannender ausmalt, als es der Grundriss zulassen sollte. Die Kämpfe und Actionsequenzen sind zahlreich, aber kurz und gut dosiert, so dass “Eden Log” seine bedrückende Atmosphäre niemals den Scharmützeln preisgeben muss, die andere Filme dieser Art so ermüdend machen. Vestiel behält sein Finale fest im Fadenkreuz und verkalkuliert sich dennoch unangenehm mit der Sprengwirkung des Mindfucks: Eine Knallerbse, anstatt des anvisierten Feuerwerks, die in ihrer Wirkung in keinem Verhältnis zum vorherigen Teil des Films steht. Besonders bedauerlich, weil Vestiels visuelle und atmosphärische Raffinesse keinen zusammengezimmerten Höhepunkt aus der Werkstatt der Geschichtenerzähler gebraucht hätte, um “Eden Log” zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen. So entwurzelt das unverständliche Verlangen nach narrativer Vollpension die Elemente, die “Eden Log” über knapp 100 Minuten trugen, um mal wieder einen Märtyrer für die Sünden der Menschheit sterben zu lassen – mit Ausblick auf eine bessere Welt. Ohne Menschen. Immerhin. 7/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.12.2016)
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Der Satan

Der Satan

(Regie: Bob Roberts – USA, 1971)

Der Tagesablauf einer mehrköpfigen Sekte besteht aus Musik, Drogen und Sex. Die Mitglieder gehorchen ihrem Anführer Moon (Troy Donahue), der sich für den Messias hält, blind und können bis zum Äußersten gehen, wenn es sein muss. Ausgerechnet ihn hat sich die wohlbetuchte Sandra als besonderes Highlight für ihre anspruchsvollen Partygäste ausgesucht. Was zunächst wie ein Rausch aus Drogen und Sex ausschaut, entwickelt sich nach und nach in eine Orgie aus Blut und Gewalt.

Das große Entsetzen über die Morde der Manson Family war noch nicht aus den Boulevardblättern verschwunden, da kam 1971 “Sweet Savior” (Originaltitel) in die Kinos, eine Prä-Troma-Produktion Lloyd Kaufmans, die sich die Eckpfeiler der Sensationsgeschichte aneignete, um sie in die Straßen New Yorks zu transferieren.
Hier beginnt die Fiktionalisierung einer überschaubaren Mordserie, die im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer groteskere Blüten trieb, bis der kleinkriminelle Folkmusiker Charles Manson in den Listen der Massenmörder und Serienkiller auftauchte, und sich einen Podiumsplatz im Olymp des Bösen sichern konnte – in Sichtweite des Teufels und Adolf Hitlers. Schuld daran war die Hysterie der US-amerikanisch geprägten Mehrheitsgesellschaft der Vororte, die von einem Granatsplitter gestreift wurde, der zu den Bomben gehörte, die ihre Ignoranz im Kampf für “das Gute” (und gegen den Kommunismus) in alle Welt aussandte. Anstatt “gooks” und “rotten dirty commie rats” zu zerreißen, explodierte die Gewalt mitten in den sedierten Vorstädten – und zerfetzte vermeintlich anständige und hart arbeitende Bürger, die sich selbst zweifellos für “die Guten” hielten. Nicht nur das: Mit dem Mord an der hochschwangeren Sharon Tate (Model, Schauspielerin und Ehefrau Roman Polanskis) tangierten die Taten der Manson Family auch Hollywoods Showbiz und die angeschlossene Fernsehlandschaft. Es gab für die Mustermänner und -frauen, die Ziel dieses Terroranschlags wurden, nicht mal die Möglichkeit in die phantasielose Welt des Fernsehens zu fliehen: Die Messer (und Gabeln) steckten auch im Fleisch dieses Apparats.
Da möchte ich es als subversiven Kunstgriff verstehen, wenn Regisseur Bob Roberts die Hauptrolle des Moon, die eindeutig Charles Manson nachempfunden ist, mit Troy Donahue besetzt, einem Schmachtbolzen der 50er und 60er Jahre, der auch das Vorbild für den “The Simpsons”-Charakter Troy McClure abgab; einem einfach gestrickten und etwas abgehalfterten Kinodarsteller aus der Welt der professionellen Gewöhnlichkeit, Ex-Teenie-Idol und Schwiegermutters Liebling. In meinen Augen kein Fehler, auch wenn die schauspielerische Herausforderung sicher nicht hoch war; muss Donahue doch vor allem dafür sorgen, dass Jeans, Lederjacke, Mähne und Bart überzeugend zur Geltung kommen. Moon ist ein Prediger, der sich mit Jesus Christus identifiziert und von sich selbst als Gott spricht. Schon sein Name charakterisiert ihn als Blender: Der Mond leuchtet nur, wenn er von der Sonne angestrahlt wird. Er ist nicht er-, sondern höchstens beleuchtet. Ein kleiner Trabant im Schatten des Herrn, womöglich mit den Ambitionen Luzifers.
Eine pseudosatanistische Zeremonie eröffnet den Film mit den üblichen Zutaten, kurz darauf folgt die Kamera Moon auf seinem Motorrad kreuz und quer durch New York, während im Hintergrund der von Jerry Barry komponierte Titeltrack ertönt: Lockerer Pop/Rock der frühen 70er. Weitere Musikstücke, die im Verlaufe des Films viel Platz einnehmen (die Struktur erinnert manchmal an die Arbeiten Kenneth Angers), entspringen dieser Richtung oder orientieren sich an Easy-Listening-Aufnahmen. Man sieht den Alltag einer Kommune: Drogenkonsum, musikalisches Abhängen und freie Liebe. Ein sehr großer Teil von “The Love Thrill Murders” (US-Alternativtitel) besteht einfach nur aus Menschen, die sich ausziehen, und leidlich spannend nachempfundenem Hippie-Pop, der sein Verfallsdatum schon überschritten hat. Erst zum Schluss, wenn die Morde anstehen, tut sich auch Interessantes auf der Tonspur: Die gefälligen Sounds werden durch psychedelisch blubbernde und bedrohlich zitternde und stechende Synths ersetzt. Hippiehorrorfilmmusik.(Unheimlich genug für die Mitarbeiter der BPjM, die 1990 für eine Indizierung votierten. 2015 erfolgte die Listenstreichung, nach Ablauf des üblichen Indizierungszeitraums von 25 Jahren.)
In der ersten Stunde präsentiert sich “Sweet Savior” vor allem als handwerklich ordentlich bebilderter, etwas schüchterner Sleazefilm, dem die wirkliche Inspiration fehlt und sorgt mit (räumlich) beengten Eindrücken aus dem Kommuneleben und laschen Partys für Verwirrung: Warum folgen diese junge Menschen Moon? Erfreuen sie sich wirklich an seinem Psychogebrabbel, einer halbgaren Essenz von halbverdauten Bibelstellen der Johannes-Offenbarung, und vergessen darüber, dass er ihr Zuhälter ist? Eine Lektion hat Moon gelernt: Die Führer dieser Welt, ob profan oder spirituell, sind durch die Bank Schmarotzer. Eine Lektion, die seinen Jüngern noch auf die harte Tour bevorsteht.
Gerade als die ersten Ansätze des Films zu befreiter Sexualität aufblitzen und das heteronormative Milieu aufgelockert werden kann, fällt “Der Satan” in einer zehnminütigen (wenn auch wenig graphischen) Gewaltorgie in sich zusammen, die einen antiklimaktischen Schlusspunkt hinter unbefriedigendes Gefummel setzt: Atmosphärisch sicher der beste Teil des Films, aber torpediert von einem offenen Ende, dessen Schockpotential sich in Grenzen hält: “Die Bösen” entgehen ihrer Bestrafung – man stelle sich vor… Noch einmal kommt man in den Genuss der Motorradszenen auf New Yorks Straßen und des Titelsongs; ein wenig befreiend, nachdem man fast die gesamte Spielzeit in piefigen Wohnzimmern verbracht hat.
Im “echten Leben” wurde die Manson Family mit dem Tode bestraft und entging ihm nur knapp durch eine Gesetzesnovelle, die das Todesurteil durch lebenslange Haft ersetzte. Manson ist mittlerweile über 80 Jahre alt und muss seine Tage als Comicversion des Schwarzen Mannes im Hochsicherheitstrakt absitzen. Ein Staatsfeind mit roter Pappnase, ein Till Eulenspiegel der gleichgültigen, outgesourceten Gewalt der Mittelschicht.
“Der Satan” fügt dieser Geschichte nichts mehr hinzu, er wärmt sie für seine Zwecke auf. Kein Vergleich zu Jim VanBebbers psychedelischem Meisterwerk “The Manson Family”, das hiermit jedem ans Herz gelegt sei. Helter Skelter, ihr Schweine. 4/10

Vorspann (inkl. “Sweet Savior”)

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.12.2016)
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Ink

Ink

(Regie: Jamin Winans – USA, 2009)

Emma und John – Tochter und Vater – geraten zwischen die Fronten zweier Parteien, die während des Schlafes der Menschen für deren gute und die bösen Träume verantwortlich sind, und in eine Schlacht, in der Johns Seele auf dem Spiel steht und in der Emma von einem immerwährenden Alptraum bedroht wird.

Die besseren Filme sind sich der engen Verwandtschaft des Kinos mit Rausch und Traum bewusst; sie versuchen sich erst gar nicht an einer apollinisch motivierten Darstellung von Realität, die auf die unzureichenden Werkzeuge der Naturwissenschaft zurückgreifen muss, welche einen verzerrten und eingeengten Blickwinkel zum alleingültigen erklärt. Die schwächer werdende Lichtquelle im Elektronenmikroskop entdeckt weitaus weniger Welten als die Vorstellung eines erblindenden Mannes.
“Ink” weiß um die Faszination des Unbewussten, welches die Limitierungen und milchig-getrübten Flecken des Alltags aufhebt, und kleidet sich dreist in Traumbildern, die eine höchst konventionelle und konservative Geschichte kaschieren müssen, die den Wertevorstellungen einer Gesellschaft huldigt, die wach oder unberauscht kaum zu ertragen ist.
Schon die ersten Trauminhalte des Films von Drehbuchautor und Regisseur Jamin Winans sind so einfallslos, dass man sie nur mit der Darstellung der Träume einer Durchschnittsbevölkerung rechtfertigen kann. Die Menschen in “Ink” bauen nicht nur Häuser, pflanzen Apfelbäumchen und zeugen Kinder, nein, sie träumen auch von einer Welt, die vom Duft frisch gebackener Apfelküchlein durchzogen ist. Das heißt, wenn sie Glück haben, und einer der “Storyteller” sie besucht. Im gegenteiligen Fall injiziert ein “Ink(ubus)” Alpträume, die höchst gewöhnlich ausfallen, selbst für die bräsige Mehrheitsgesellschaft der spießigen Vororte.
So weit scheint dies, trotz aller Mittelmäßigkeit, ein recht interessantes Setting zu erlauben, würde man innerhalb weniger Minuten nicht mit der Nase darauf gestoßen, dass hier mal wieder der ewige Kampf von Gut gegen Böse verhandelt wird. Und da es im Blockbusterkino der letzten Jahre kaum einen Guten gab, der kein kostümierter Kasper mit Superkräften war, zeichnet Jamin Winans die “Storyteller” als bunt zusammengewürfelte Truppe von jugendlichen, gesunden Helden mit besonderen Fähigkeiten. Die Konkurrenz der dunklen Seite darf sich einer klassischen Darstellung im Stil des Schnitters und einer Hexe erfreuen, neben den vielen grauen (und ergrauten) Herren, die gesichtslos das Böse in die Welt tragen. Ach, ja: Beide Truppen der Traumlandschaft sind ausgebildete und geübte Martial-Arts-Kämpfer, um den Wettstreit von Yin und Yang auch für eher simple Zeitgenossen begreifbar auf die Leinwand zu bringen. Die sinnlosen Actionsequenzen, die üblicherweise Turnübungen und Raufhändel vereinen, ziehen “Ink” in die Niederungen und die Beliebigkeit der synthetischen Klopperfilme hinab, die man dutzendweise vorgesetzt bekam, seitdem ein CGI-Unfall wie “Matrix” ein Millionenpublikum begeistern konnte. Ich schätze, daher stammt auch der leicht technoide Look von “Ink”, der dem Thema absolut nicht angemessen scheint und dafür sorgt, den Zuschauer (sich in einem mittelmäßigen Computerspiel wähnend) unterfordert und leicht gelangweilt zurückzulassen.
Immerhin bietet die Geschichte Halt, erzählt sie doch die alte Mär der Wichtigkeit der Kleinfamilie und bläst die Liebe zwischen Mama, Papa und Kind auf Kitschniveau auf, inklusive eines großen, sehr besorgten Zeigefingers, der auf die Fallstricke von Karriere, Drogen und Selbstverwirklichung hinweist. Ein Wink mit dem Zaun. Neonfarben und epilepsieauslösend blinkend.
Auf den letzten Seiten des Drehbuchentwurfs schien Jamin Winans seine Story wohl zu plakativ, und er erklärt den vorher physisch in der Welt der Lebenden ausgetragenen Konflikt einfach zum inneren Dilemma eines Vaters, der sich mit dem Suizid seiner Ehefrau und dem Verlust des Sorgerechts für sein Kind arrangieren muss, dazu aber nicht in der Lage ist. Eigentlich ein netter Versuch; die von Anfang an vorhandene dichotomische Kategorisierung in Gut und Böse lässt die Uneindeutigkeiten der Traumwelt aber ausgesperrt und versucht den Zuschauer auf gesellschaftlich erwünschtes Verhalten zu konditionieren. Und vielleicht ist “Ink” auch einfach ein Kinderfilm, der sich die visuellen Reize des (Alp-)Traums zu eigen macht, um pädagogisch Moral zu vermitteln, die die Familie ins Zentrum des Universums und allen Lebens stellt.
Abgesehen davon unterhält “Ink” über 100 Minuten passabel und entwirft auch hin und wieder Szenen, die man sich gerne anschaut. Besonders beeindruckend ist das knappe Budget von 250.000 US-Dollar, welches Regisseur Winans clever nutzt, um mit den Multimillionendollarspektakeln der Cineplexe gleichzuziehen. Nebenbei hat er auch gleich noch die Musik komponiert und stellt sein Gefühl für Rhythmus in “Ink” etwas zu selbstgefällig aus, wodurch manche Sequenzen eher schlichten Musikvideoclips ähneln, denn einem Fantasy-Abenteuer.
Für einen kurzen, oberflächlichen Ausflug sicher nett, aber im Zuge der verpassten Möglichkeiten schon fast auf dem Weg zum Ärgernis, stört die Zuckerwatte im Kopf des Autors vor allem eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, die hier größtenteils in Kampfchoreographien umgesetzt wird. “Ink” stünde eine höhere Dosis Psychoanalyse und Magie deutlich besser zu Gesicht, als die Essenz eines “Tae Bo”-Kaufvideos. 6/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 17.11.2016)
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Livid – Das Blut der Ballerinas

Livid – Das Blut der Ballerinas

(Regie: Alexandre Bustillo/Julien Maury – Frankreich, 2011)

Lucys erster Tag als häusliche Krankenpflegerin führt sie in die marode Villa von Mrs. Jessel, die bereits seit Jahren in einem tiefen Koma liegt. Lucys geschwätzige Kollegin erzählt ihr, dass Mrs. Jessel früher eine gefürchtete Ballettlehrerin war. Und man vermute einen großen Schatz in ihrer unheimlichen Villa. Zusammen mit ihren Freunden William und Ben macht sich Lucy in einer Nacht schließlich auf die Suche und sie brechen in die Villa der alten Lady ein. Erst scheint auch alles glatt zu laufen, aber dann verschwindet William plötzlich in einer Wand und landet in einem geheimen Zimmer. Was er dort erleidet, geht über seine Vorstellungskraft. Doch dadurch scheint sich das schaurige Geheimnis endlich zu lüften, aber auch die jungen Leute regelrecht aufzufressen.

Die wenigen Momente der Dämmerung können darüber entscheiden, ob man die Melodie einer Spieluhr als fragilen Klang einer melancholischen Zärtlichkeit wahrnimmt, oder Todesängste aussteht, weil der selbe Klang furchtbare Erinnerungen und Vorahnungen weckt. Vielleicht liegt die Janusköpfigkeit einer Spieluhr in ihrem dualen Charakter begründet: Sie ist ein Ding, ein von Menschen geschaffenes, mechanisches Etwas, dessen Zahnräder ineinander greifen und den Weg zurücklegen, den sie zurücklegen müssen. Gleichzeitig erklingen diese feinen, ätherischen Töne, die tief berühren, ohne sich in der stofflichen Welt gemein machen zu müssen. Die Spieluhr ist ein mechanisches Artefakt zur Geisterbeschwörung, ein Zauber, der durch Maschinen hervorgerufen wird, diese aber transzendiert und ein unabhängiges Leben führt.
Für Lucy (gespielt von der wunderbaren Chloé Coulloud) scheint diese Unabhängigkeit in weiter Ferne zu liegen. Sie betritt gerade erst das Reich der Zahnräder des Sachzwangs und schlüpft mit jugendlicher Leichtigkeit zwischen den Dampfhämmern hindurch, deren Todesstoß gewiss ist, über dessen Zeitpunkt man gemeinhin jedoch nicht informiert wird. Sie hadert mit dem Selbstmord ihrer Mutter und dem fragwürdigen Gebaren des Vaters, der schon wieder auf Freiersfüßen wandelt; gedankenlos, in den Vorgängen gefangen, die (V)erwachsene und Abgestumpfte als “das echte Leben” bezeichnen.
In ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin (ein reizend ungewohntes Berufsbild, ist man doch die geistlosen Charakterschablonen von Polizisten, Detektiven und Studenten gewohnt) begegnet sie einer Frau, die durch ihre aufgesetzten, zynischen Sprüche auch nicht leugnen kann, dass sie zu den Vermoderten gehört. Zu den Untoten, die es sich in ihren kleinen Leben eingerichtet haben und nun dem Grab entgegenfaulen. So muss ihr ein kriminelles Angebot nicht lange schmackhaft gemacht werden. Die Flucht aus einem Arbeiterklasseleben scheint nur auf diesem Wege möglich – und die Chancen stehen tatsächlich nicht schlecht.
Die durch einen blau-grauen Filter fotografierten Naturaufnahmen, der morbiden Leinwandpoesie eines Jean Rollin verwandt, bereiten den atmosphärischen Boden für einen märchenhaften Horrorfilm europäischer Prägung, der von der Selbstermächtigung einer jungen Frau erzählt, die nicht vor Gewalt zurückschreckt, um dem Joch der familiären und gesellschaftlichen Zwänge zu entkommen. Dies teilen die Regisseure Alexandre Bustillo und Julien Maury (“Inside”, “Among The Living”) auf zwei Charaktere auf: Während Lucy vor allem einen Bezug zur Wirklichkeit der jungen Kinobesucher herstellen soll und den widerlichen Trott des Alltags auswendig kennt, finden die beiden Filmemacher mit Anna (und dem physischen Zerbrechen ihres Rückgrats durch die strenge Mutter) eine grobe, aber funktionierende Bild-Metapher für den rücksichtslosen Missbrauch des Individuums durch Familie und Gesellschaft.
Auf dem Papier klingt das alles ein wenig trübsinnig und der Realität verhaftet, in “Livide” (französischer Originaltitel) wechseln aber die Schatten des Waldes und der Heide mit dem sepiafarbenen Albtraum einer Spiegelwelt, in der Ballerinas Menschen totschlagen und der Hutmacher seinen Kopf verloren hat, bevor er die Königin zum Nichtgeburtstag einladen konnte. Ab der ersten Einstellung an einer Bushaltestelle liegt das Unbehagen über “Livid”, gesteigert durch den Anblick einer über-hundertjährigen Frau mit pergamentener Haut und Vaderschem Beatmungsgerät, endend in blankem Terror, wenn der Hammer kreist und Köpfe zerrissen werden. “Livid” stammt aus der Feder der Macher von “Inside – À l’intérieur” – und während sie uns dort noch vorführten, wieviel Spaß man mit einer Hochschwangeren und einer Schere haben kann, erzwingen sie hier einen Brudermord. Der Gewaltgrad ist hoch, die Darstellung drastisch. Kein Film für subtile Seelchen, aber wie könnten die sich auch in ein Juwel der neuen französischen Horrorwelle verirren? (Die FSK hatte einen guten Tag und vergab eine “Ab 18”.)
Neben dem Allzuweltlichen, dem Profanen, stoßen Bustillo und Maury die Tür ein klein wenig weiter auf, um mit geschickt eingepassten Fantasy-Momenten dem Terror zu entfliehen und im Horror anzukommen. Mutter und Tochter des Hauses, in das Lucy und ihre Freunde einbrechen, sind Hexen. Und nicht irgendwelche Hexen: Lucy fällt ein Dokument über den Besuch einer Tanzschule in Freiburg, Anfang des frühen 20. Jahrhunderts, in die Hände; ein Diplom, das “Livid” mit Dario Argentos “Suspiria” verbindet und eine Ahnung bestätigt, die früh im Film aufstieg. Ganz im Sinne des Maestros gibt sich “Livid” als kunstvoll gestalteter Schocker, der Argentos artifizielle Bildwelten aber ein wenig zurückfährt, um auch dem Schrecken des Daseins Platz einzuräumen, gipfelnd in einer schwarzromantischen Freiheitsimagination.
So macht “Das Blut der Ballerinas” gleich zwei Filme obsolet: Argentos eigenen katastrophalen Abschluss der 3-Mütter-Trilogie “La terza madre” – und den zum Scheitern verurteilten Versuch eines Remakes von “Suspiria”, an dem sich Hollywood gerade gewaltig verhebt. Unbedingt anschauen. 8,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 04.11.2016)
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Maggie

Maggie

(Regie: Henry Hobson – USA, 2015)

Wade Vogels (Arnold Schwarzenegger) Tochter Maggie (Abigail Breslin) wurde bei einem heimlichen Ausflug in die postapokalyptische Großstadt trotz aller Kontrollen von einem Zombie angegriffen und verletzt. Die Maschinerie aus Arztbesuchen, Quarantäne und Sicherheitsbestimmungen setzt nun ein und droht das Mädchen zu verschlingen. Doch Farmer Wade holt sie nach Hause. Der zunehmend verzweifelte Vater wünscht sich einige letzte schöne Tage und eine kontrollierte Sterbebegleitung für seine Tochter, deren pubertärer Dickkopf ihm im Angesicht der Schrecken und der sichtbaren Transformation des Kindes seinen Leidensweg noch verstärken. Und der Tag der Entscheidung rückt näher, während Maggie sich zu einer Gefahr für ihre Umwelt und Mitmenschen entwickelt…

Alles begann mit dem halbwüchsigen Alois aus der Steiermark, der sich aufpumpte, aufblies und aufblähte, bis man ihm den Titel des “Mister Universum” zugestand. Der hohle Ballon, den das Bodybuilding gebar, füllte sich aufgrund des Ruhms mit heißer Luft und schwebte gen Hollywood, wo man von oberflächlich interessanten und attraktiven Dingen zehrt, so dass eine Leinwandkarriere ihren Lauf nahm, die genauso aufgepumpt und leer war, aber Millionen Dollars in die Kassen der Filmindustrie spülte. Im Geiste Ronald Reagans war es dann auch nur ein kleiner Schritt vom “Schauspieler” zum Politdarsteller.
Arnold Schwarzenegger widerlegt gründlich die Behauptung des Mathematikunterrichts, mit minimalem Einsatz könne kein maximales Ergebnis erreicht werden. Wie viele andere “Top-Stars” (genannt seien zum Beispiel Tom Cruise und Angelina Jolie), bestritt Schwarzenegger nicht eine bemerkenswerte Rolle in seinem filmischen Leben und wirkte auch an keinem Film mit, der abseits des Blockbuster-Kinos (und für dessen genügsame Verfechter) eine Rolle spielen würde. Aber wenn ein Bauernlümmel aus Österreich über die Umwege des Bodybuildings nach Hollywood findet und dort in einen der einflussreichsten Clans der USA einheiratet, muss er ja etwas richtig gemacht haben. So zumindest die Apologeten von Geld, Macht und sozialem Aufstieg. Gerhard Schröder gefällt das.
Schwarzenegger ist ein Clown, ein Hampelmann, im allerbesten Falle ein “Körperschauspieler”, wie der Katholische Filmdienst mal euphemistisch über Arnies Mitbewerber Jean-Claude van Damme urteilte, und doch verfügt er über einen klotzköpfigen Charme, der ihn die gemeinsamen Szenen mit Abigail Breslin in “Maggie” beherrschen lässt. Die “Little Miss Sunshine” besitzt keine darstellerischen Möglichkeiten, um sich der Dominanz von Schwarzeneggers Statur zu entziehen, der mit wildem Bartwuchs und den vielen Falten und Runzeln des Alters jetzt auch optisch den Höhlenmenschen entspricht, die er in seiner Karriere am liebsten verkörperte.
Die Renaissance der lebenden Toten im Kino ging mit einigen Anpassungen an heutige Geisteshaltungen vonstatten; etwa die Verlagerung weg vom Horror- ins Action-Genre, wo selbst die rottenden Untoten sich dem Zeitgeist der Selbstoptimierung nicht verschließen können und demnach spurten, anstatt zu schlurfen. Danke, Zack Snyder. Schönen Dank auch, Danny Boyle. In solch einem Szenario, das auf Macho-Geballer und Muskeln setzt, würde man Schwarzenegger nicht sofort als Fremdkörper ausmachen können. Auch im unsinnigen Format der TV-Serie kamen die Toten zurück, und bescherten mir dort schmerzvollere Qualen als die Action-Variante: Im Grunde ihres Herzens (und ihrer Struktur) sind all diese Fernsehserien Soaps, welche die Ränkespiele, die Intrigen und das ganze Brimborium von “Dallas” und “Denver” zurückbringen – für ein jüngeres Publikum, nun eben mit Drachen oder Zombies.
Da möchte ich es “Maggie” gar nicht zum Vorwurf machen, wenn er die apokalyptische Weitsicht des Zombiefilms dimmt und die Wahrnehmung auf die Kleinfamilie beschränkt, wo vorher gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge diskutiert wurden, denn abseits der melodramatischen Szenen besinnt sich Regisseur Henry Hobson in seinem Debüt auf das Unheimliche. Keine billigen Schocks, die über Massenszenen oder hektische Action erzeugt werden sollen, sondern Bilder des Grauens und des Verfalls. Es sind persönliche Bilder des Niedergangs einer Familie, die sich nur noch um sich selbst dreht – ihr Bezug zur Welt ist verlorengegangen und konnte nicht aufrechterhalten werden. Als Stimme der Vernunft tritt – ausgerechnet! – die Dorfpolizei auf.
In den ausgewaschenen Farben von “Maggie” findet man (neben der Zombieseuche) viele andere Themen des Familendramas: Die Pubertät, der Verlust eines Elternteils, die Patchwork-Familie, die tödliche Krankheit, die “böse” Stiefmutter. Leider ist die emotionale Ebene von “Maggie” ebenso aufgeblasen und hohl wie Schwarzeneggers Karriere; sie kann sich nicht von den Klischees des Hollywoodfilms lösen, inklusive der Heuchelei, wenn es um das Sterben der Lieben und das Töten der Anderen geht. Hier versagen nicht nur Hobson mit seiner Allerweltsinszenierung der Gefühle, sondern auch Schwarzeneggers Schauspiel und die blasse Abigail Breslin als titelgebende “Maggie”. Schließlich schreckt Hobson im Finale ebenfalls vor einer Lösung zurück, die sich außerhalb der Hollywoodspielregeln verorten ließe: Der Zombiefreitod, der in glückseligen Jenseitsszenen der Wiedervereinigung von Mutter und Tochter gipfelt, erspart Schwarzenegger ein weiteres ernsthaftes, aber debil flackerndes Gesicht aufzusetzen, wenn er die Schrotflinte, die er wie der Terminator hält, auf seine Tochter anlegen muss. So kann man mit dem heißen Eisen “aktive Sterbehilfe” hantieren, ohne sich die Finger zu verbrennen.
Die vollmundige Ankündigung von Presse und Verleih, hier einen “anderen” Arnold Schwarzenegger erleben zu können, ist natürlich Blödsinn. Sein Spiel unterscheidet sich nicht von dem gewohnten Murks aus runtergekurbelten Schnellschüssen wie “Collateral Damage”. Trotzdem etabliert sich “Maggie” über weite Strecken als gelungenes Zombie-Drama, das mit seiner düsteren Ruhe überzeugt, ein paar wirklich unheimliche Szenen entwirft (auch dank des großartigen Zombie-Make-Ups) und darüber all seine kleineren und größeren Fehler vorübergehend vergessen lässt. 6,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 26.10.2016)
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Reality

Reality

(Regie: Quentin Dupieux – Frankreich, 2014)

Reality, ein neunjähriges Mädchen, findet eine mysteriöse VHS-Kassette im Bauch eines Wildschweins. Während ihre Eltern deren Existenz abstreiten, entwickelt sie eine regelrechte Obsession den Inhalt zu sehen. Dennis, der neurotische TV-Moderator einer lokalen Kochsendung, leidet an einer imaginären Hautkrankheit. Getrieben vom Unverständnis seiner Mitmenschen verliert er sich zunehmend in einen Verfolgungswahn. Jason, der Kameramann der Kochsendung, träumt von der Verfilmung seines Horrorfilm-Projekts. Voraussetzung ist allerdings, dass er innerhalb von 48 Stunden den perfekten Angstschrei findet. Schnell verliert sich der angehende Filmemacher jedoch bei der Suche und vermischt zusehend seine Träume mit der Realität.

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, Quentin Dupieuxs (“Wrong”, “Rubber”) neuesten Film “Réalité” (Originaltitel) nach einem Teil der Laufzeit zu stoppen, um die Handlung zu rekapitulieren. Wie ich vermutet hatte, war dies auf einer geradlinigen erzählerischen Ebene gar nicht mehr möglich, denn hier schienen sich mehrere Möbiusbänder ineinander verheddert zu haben. Wie Bruchteile vieler verschiedener Spiegel liegen die Szenen des Films nebeneinander, mit der Möglichkeit, Schlieren des Ursprungsbilds in eine beliebige andere Scherbe zu reflektieren. Die Unsitte, einen Film vorauszudenken, auf die besserwisserisch-detektivische Art eines Sherlock Holmes, wird hier nicht nur ad absurdum geführt, es stehen grundsätzlich die Wahrnehmung des Kinos und der Realität zur Disposition. Und nicht nur das: Auch Träume, Albträume und Wahnsinn können sich ihrer zugewiesenen Plätze nicht sicher sein. Wenn Regisseur Dupieux zum Tanz auffordert, gilt Kneifen nicht.
Wie schon “Rubber” ist auch “Réalité” ein Spiel mit dem Absurden, dem (Genre-)Kino und den erzählerischen Regeln, die vermeintlich einzuhalten sind, um das Publikum bei Laune zu halten; dabei aber immer eine wunderbare Komödie, die vor witzigen und komischen Momenten nur so strotzt. Die leichten Längen aus “Rubber” findet man in “Réalité” nicht wieder, vielleicht auch deshalb, weil Dupieux sich nicht mal bemüht, ein konsistentes Narrativ vorzutäuschen, wie es in “Rubber” noch geschah.
Hier ordnet sich alles der Willkür des Regisseurs unter, der ja nun wirklich in der Lage ist, das Publikum am laufenden Band zu manipulieren (und dies auch tut). Dupieux macht seinen Zuschauern schnell klar, dass ihre erarbeiteten Begriffe, ihre erkannten Formen, maximal unzureichend sind, wenn sich das Absurde an der Grenze des Bewussten und Unbewussten aus Surrealismus und Filmhistorie speist, um sich nach faszinierenden Szenen oder gelungenen Gags aufzulösen oder wabernd noch eine Weile stehen zu bleiben, um durch die Ritzen der nächsten Szene, in eine schon länger zurückliegende Einstellung vorzudringen.
Die Verweise auf das Slasher-Genre in “Rubber” ersetzt Quentin Dupieux in “Reality” durch ein paar eindeutige Bezugnahmen auf das Frühwerk David Cronenbergs, nicht nur mit dem Film-Im-Film-Im-Albtraum-Im-Wahn “Waves”, der an “Scanners” denken lässt, sondern auch durch den Beginn des Films selbst, wenn ein kleines Mädchen, Rufname “Reality”, ein blaues Videotape in den Innereien eines Wildschweins findet. “Videodrome” lässt grüßen.
Die Dialoge sind detailreich ausgearbeitet und tragen sehr zur komischen Absurdität bei, die all diese Bruchstücke über gut 80 Minuten verbindet und trägt. Ein Dialog (am Telefon) macht schließlich auch das Kunststück möglich, “Reality” doch pointiert zum Abschluss zu bringen, und zwar so, als hätte hier tatsächlich alles einen Sinn, einen angestammten Platz und würde einem Ziel entgegenstreben. Der totale Irrsinn – wurden doch zuvor über mehr als eine Stunde Wahrnehmungen geleugnet, Identitäten verdoppelt oder vielleicht auch gewechselt, Träume in die filmische Realität überführt und umgekehrt – selbst Wahnsinn schien eine ganz passable Zufluchtsmöglichkeit zu sein, wenn man sich in einem Traum wähnte. Die Lösung liegt vielleicht viel näher, als man denkt: Es gibt keine.
Anstatt dem unsympathisch gezeichneten Filmproduzenten in “Reality” zu folgen, und alles erklären und rationalisieren zu wollen, mit einem kleinkarierten Hang zu Effizienz und vor allem Kausalität und Stringenz, dürfen alle Bilder einmal nebeneinander stehen, zur gleichen Zeit, am gleichen Ort – erfahrene Realität, Kinobesuche und Träume vermischen sich sowieso im Innen(er)leben des Zuschauers. Wenn der Vater der Realität (Realitys Papa) auf seiner Meinung beharrt, dass das Innere/die Innereien aller Tiere nutzlos ist/sind, revoltiert das Säugetier im Publikum, während Reality nur einen abschätzenden Blick für ihren Erzeuger übrig hat.
In Kalifornien gedreht, zeichnen die sonnigen Einstellungen ein lockeres Klima, das zuweilen neblig und verschwommen erscheint, um auch auf dieser Gestaltungsebene alle Eindeutigkeiten zu beseitigen. Der freundliche Ton der Bilder setzt Dupieuxs sechste abendfüllende Regiearbeit von anderen filmischen Versuchen zur Realität ab: Nicht das Gegrübel, sondern der Spaß am Willkürlichen steht im Vordergrund. So funktionieren oft die unterhaltsamsten Filme; auf einer direkten, intuitiven Art, mit einem Oberbau, der viel Platz für eigene Gedanken, Erkundungen und Erfahrungen lässt. Egal, ob man “Reality” als surreale Komödie oder das Kino zersetzende Satire, als Versuch über die Absurdität von konstruierter Realität oder als urkomischen Situationsreigen wahrnimmt, es gibt weder das Verlangen, noch die Möglichkeit auszusteigen. Um danach eine weitere Runde zu drehen und sich die Welt (und alles, was drin ist) verwirbeln und zerstrudeln zu lassen. Reality ain’t always the truth. 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.10.2016)
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